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Off topic

Heute war ich auf einer Fortbildung. Warm war es da. Sehr warm.

Unter anderem ging es um Methoden. Da wurde uns ein Video vorgestellt. Das hatte zum Thema ein schreckliches Wort mit einem großen ‚A‘.

Aber im Grunde geht es darum, wie man mit Wahrheit umgehen kann. Um Empathie, Einfühlungsvermögen und schlussendlich geht es um Liebe. Wie sieht mein Lebensentwurf aus? Wer bin ich?

Das Video geht so. Gemacht hat es Marie Meimberg.

Virtuell

Samma: virtuell!

– Wie ‚virtuell‘? Du haust mir da so einen Begriff um die Ohren. Was soll ich damit anfangen?

Na, virtuell eben. Watt is datt?

– Das meint so viel wie, ‚als ob‘. Man tut so ‚als ob‘.

Echt getz, als ob?!

– Echt.

Du wills mich doch nur aufen Arm nemen, oder?

– Dafür bist du mir echt zu schwer. Als ob. Ein virtueller Freund, zum Beispiel.

Also Du meinst, der tut nur so?

– So könnte man es sagen.

So Tage – auch in Bielefeld!

Bielefeld hat etwa die Ausmaße von Palma de Mallorca, der Schönen im Mittelmeer. Niemand käme wohl auf die Idee Bielefeld mit dieser Metroplole zu vergleichen. Warum eigentlich nicht? Bielefeld bietet seinen Bewohnern viele schöne Quatiere, die man zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichen kann. Den üblichen Verkehrsstau hat Palma auch.

Zu Bielefeld gehört neben der Natur im Teuto und den netten Quatieren auch so etwas wie der Bahnhof von Brackwede. Dort kann man sich genau so verloren und deplaziert fühlen, wie in einem schmutzigen Vorort von Palma oder sonst wo auf der Welt. Oder glücklich, dass man Sinne hat, die etwas fühlen. Das eigentlich Internationale ist der Schmutz und die Schönheit. Sie sind Geschwister. Es liegt alles im Betrachter. Der Ort ist dann gleichgültig.
 

es gibt tage, da träum ich mich
in die schmierigste bahnhofskneipe
im westlichen ruhrgebiet
wo mich keiner mehr findet
und keiner mehr sieht
wo kein spruch mehr landet
und kein spruch mehr zieht
dort kaufe ich mir bier
und dünne zigarren
höre dabei die zugansagen

vielleicht
gehe ich später
auf den bahnsteig und
esse ein stinkendes phosphorwürstchen
ich töte -wennderintercitydurchrauscht-
den widerlichen wurstgeschmack
mit reichlich löwensenf
der fahrtwind macht mir gänsehaut …
dahinten wollen zwei abschied nehmen

ich beobachte
wie sie bedacht ihre netten
lügen austauschen und dabei
von einem fuß auf den anderen treten
mich ekelt
die netten lügen wollen gut plaziert sein
darum
wünsche ich den beiden eine
saftige zugverspätung …
und kotze direkt in den abfalleimer
neben dem kiosk – volltreffer!
erleichtert suche ich mir ein taxi
und fahre irgendwohin …

(manchmal reicht mir auch diese autobahnraststätte
bei castrop-rauxel, dann ergibt sich dieses truckstopfeeling,
was auch nicht zu verachten ist,
wenn das kotzen nicht selbsttätig von statten gehen will.)

Nachsatz: An diesem Artikel ist der Titel geändert und ein paar Kleinigkeiten. Sonst nichts. Eine wilde Gans, eine die Mützen faltet, eine die Sätze findet und noch viele andere haben mich an diese Geschichte im westlichen Ruhrgebiet erinnert. Den Nachsatz hier, wurde selbstverständlich auch umgeschrieben. Ich war noch niemals in Castrop-Rauxel. Und schmierige Bahnhofskneipen sollte es nicht mehr geben, jedenfalls hier nicht. Sonst hat sich wohl nichts geändert. Ich danke sehr.

willi (1987/2016)

Pause –

Ein Organismus, der nicht mehr innehalten kann, kommt nirgendwo an.
Er dreht sich nur noch im Kreis.

Müde. Ermüdet ist, glaube ich, das richtige Wort. Ich bin weder ernstlich krank, noch habe ich irgend eine andere Einschränkung. Jedenfalls merke ich nichts aus dieser Richtung. Das ist ja schon mal was. Es einfach an der Zeit ist.

Jeder hat so seinen Takt. Manche habe ich erreicht, andere nicht. Umgekehrt ist das natürlich genauso.

Es ist wie im realen Leben. Und das ist hier. Es ist jetzt Frühling, der Garten ruft oder ich suche die Menschen. Von beidem wohl etwas. Wie virtuell ist habe ich immerhin gelernt. Ein wenig, jedenfalls. Dafür danke ich.

Ich komme oft zu dem Punkt, wo ich neben mir stehe und denke: Was machst Du hier eigentlich? Gute Frage. Um diese Frage kommt man eben nicht herum. Oft sind es ja die Fragen, die weiterführen, selten die Antworten.

Es bleibt spannend! Vielleicht habe ich noch genügend Zeit, ein paar Fragen zu stellen. Ich wundere mich. Möglicherweise ist das in dem Zusammenhang hilfreich. Aber wer weiß das schon?

Fast täglich wird ein anderes Schwein durchs Dorf getrieben. Von mir aus auch eine Kuh oder eine Ziege. Die Tierart ist hier wirklich nebensächlich. In jedem Fall hat sich das Ganze sehr verändert. Die Bücher wiederholen sich. Dafür bin ich nicht wirklich geeignet.

Letztlich dreht sich alles irgendwo um Liebe. Nicht um Sex – was, wenn er gut ist, sicher nicht zu verachten wäre. Aber das ist nur ein kleiner Teil der Angelegenheit.

Zwei Bücher muss ich gerade noch erwähnen. Das erste habe ich zu Ende gelesen. Ich fand es ganz hervorragend. Eins* dreht sich um Fragen, die jeder einmal hat: Wie kann ein Mensch existieren ohne einen anderen. Hat er genug Humor um die Liebe zu leben? Ist er stark genug, rechtzeitig loszulassen? Usf.

Das Zweite habe ich jetzt begonnen. Es handelt sich dabei um Die Sehnsucht des Vorlesers ** Es ist auch ein Roman darüber, wie Liebe beginnen kann. Warum es manchmal so lange dauert, und welche Risiken man dabei eingeht.

Zwei absolut konträre Geschichten.. die möglicherweise nur verbindet, dass sie beschreiben was Liebe vermag und woran sie zu scheitern droht usf. Ein vielfältiges Thema.

Für mich ist im Moment wichtiger: Luft und Licht und Zeit. Die Luft zu atmen und zu hören, das Licht zu sehen und zu begreifen und schließlich die Zeit sich darüber zu wundern, was man alles mit seinen Sinnen aufnehmen kann.
Diese Drei gönne ich mir jetzt.

wenn meine geschichten erzählt
und alle lieder gesungen
wenn die neuigkeiten alt
und meine kämpfe ausgerungen
dann will ich mich auf machen
und endlich über diese weite ebene gehen
und lasse alles liegen
und lasse alles stehen
weil ich es nicht mehr brauche.
so soll es sein.

ich werde einfach
nach hause gehen
und meinen schatten
nicht achten.

Bis dahin ist es noch ein langer Weg.

* Sarah Crossan: Eins. ISBN: 978 3 95854 057 6
** Jean-Paul Didierlaurent: Die Sehnsucht des Vorlesers. ISBN 978 3 423 26078 7

Macht es gut, ihr Lieben und werdet so, wie Ihr sein wollt! Man trifft sich immer zweimal – mindestens. In diesem Sinne 😉

Zeisig -zwo

Ein Zeisig ist kein Elefant
Was allen Tieren längst bekannt

Groß ist der Elefantenbauch
Und groß, sind beide Ohren auch
An sich, ein Zeisig ist nicht groß
Das ist des Zeisigs Lebenslos
Der Zeisig hat auch keine Ohren
Er ist als Zeisig so geboren
Mit Federn ist er wohl bestückt
Was ihn beim Fliegen gar beglückt

So saß – bei sich auf einem Reisig
Kein Elefant, ist klar, ein Zeisig
Und unten, breit und massig stand
Jawohl, genau: der Elefant
Herr Zeisig, komm’se schnell mal runter!
Sprach froh bestimmt und auch sehr munter
Das riesendicke Rüsseltier
Die Sonne schien, es war grad‘ vier

Der Zeisig dacht‘ nicht lange nach
Und seinerseits er so jetzt sprach:
Mein lieber, großer Elefant
Gern reichte ich dir meine Hand

Was du jetzt denkst ist mir auch klar
(Weil das ja bloß ein Flügel war)
Komm du mal rauf auf meinen Baum
Und wie in einem schönen Traum

Sofort vom Glücke ganz benommen
Ging los der Dicke, rauf zu kommen
Auf Zeisigs dünnen, zarten Ast
Natürlich brach der von der Last
Und dann – es konnt‘ nicht anders sein
Ein Elefant im Gras allein
Bebeulten Kopfes denkt er bei sich
Nie wieder frage ich ’nen Zeisig!

Der Vogel unterdessen heiter
Flog ganz entspannt ein Stückchen weiter
So ist das Leben – kannst mal sehn
Das war genau um vier Uhr zehn

* Diese Geschichte verdanke ich meinem, nun nicht mehr ganz so kleinen, Sohn. Der war in der Grundschule über den Begriff ‚Zeisig‘ gestolpert und verlangte nun Aufklärung. Nachdem das getan war, fuhr ich zur Arbeit. Unter der Fahrt war plötzlich da ein Rüsseltier, zu dem Vogel gestoßen. Angekommen hatte ich nichts Besseres zu tun, als diesen Text zu notieren. Gott schütze unsere Jugend und schenke ihr ein langes und gehaltvolles Leben.
1988/2013 mick

Dem ist nichts hinzu zu fügen.  In diesem Sinne. willi 2016

Willi dachte

Er saß auf seinem Stuhl. Er dachte. Während die anderen liefen, saß er und dachte.

Dachte über das Laufen nach. Er sah dabei den Läufern zu. Manchmal bemerkte er, wie so ein Läufer auf ihn aufmerksam wurde. Dann lächelte er. Häufig aus Verlegenheit, denn er bildete sich ein, die Verwunderung jener Läufer zu spüren.

Andere Läufer begegneten ihm höflich. Das machte ihm Unbehagen, weil er Höflichkeiten nicht einzuordnen wusste. Er war dann auch höflich. Selten blieb ein Läufer stehen. Glücklicherweise hatten die Höflichen fast nie Zeit und blieben nur kurz, um sich dann, ihrer Art entsprechend zu verabschieden.

Blieb jedoch ein verwunderter Läufer bei ihm stehen, um sich für seine Verwunderung Zeit zu nehmen, konnte es geschehen, dass der Sitzende zu erzählen begann. Oft ging dann der Verwunderte nach kurzer Zeit seiner Wege; noch ein wenig verwunderter als zuvor. Man konnte das an einem leichten Kopfschütteln der Verwunderten erkennen. Nach einigen Metern begann der Verwunderte dann wieder zu laufen und trabte locker davon.

Kaum einer kam ein zweites Mal. Einmal jedoch blieb so ein Verwunderter, kopfschüttelnd zwar, aber er blieb. Und der Sitzende begann zu erzählen. Erzählte, was er gedacht hatte; auch was er denken würde erzählte er. Dabei vergaß der Sitzende die Zeit und auch seinen Stuhl.

Er fühlte, wie der Verwunderte ähnliches vergaß. Das machte den Sitzenden froh, weil er ja dachte, um zu erzählen. Erzählen, damit du für eine Weile die Zeit vergisst. Da blickte der Verwunderte auf seine große und überdeutliche Uhr.

Es war eine Uhr für eilige Läufer. Sie müssen ständig Zeiten nehmen. Müssen Zeiten einhalten. Können in ihrer Eile selten genau hinsehen. Darum sind die Uhren so gross und deutlich. Der Sitzende wusste das, hatte es beim Erzählen aber vergessen, wie er ja auch seinen Stuhl vergessen hatte.

Wie vergesslich er war, dachte er später und lächelte dabei. Er dachte auch noch, dass die Vergesslichkeit oft hilfreich ist. Das geschah, als er dem verwunderten Läufer noch zusah, bis dieser um eine Ecke verschwand.

Vielleicht war es, dass er nun etwas ändern wollte. Jedenfalls stand er nach einer ziemlichen Weile auf. Da rempelte ihn ein höflicher Läufer sehr eilig an. Willi musste sich wieder setzen. Es kamen immer wieder Läufer.

Er begnügte sich also mit ihrem Anblick und wartete. Wartete auf seinen verwunderten Läufer, der einmal die Zeit vergessen hatte. Willi liebte diesen Läufer für seine Vergesslichkeit. Doch das brachte ihn in eine Zwickmühle. Er wollte nicht albern sein. Ab und an sah er den Läufer.

Gewöhnlich winkten sie sich dann zu. Das war sehr zärtlich und gar nicht albern. Er sah dann seinem Läufer wieder bis zur Ecke nach und war froh. So verging die Zeit. Manchmal geschah es, dass der Läufer stehen blieb und ihm, dem Sitzenden erzählte.

Erzählte, was er gesehen hatte. Oder erzählte, wo er hin wollte. Der Sitzende erzählte dann, was er gedacht hatte; auch, was er noch denken wollte. So unterhielten sie sich, dachten sich Witze aus und erzählten auch von ihrem Ärger. Es kam auch vor, dass sie sich umeinander sorgten.

Das war niedlich, denn sie betrachteten es wohl als unerlaubt. Jedenfalls war es ihnen etwas unheimlich dabei. Aber sie taten es ja doch, und weil sie merkten, wie tollpatschig sie waren, lachten sie über sich. Dann begannen sie sich zu erinnern und waren erstaunt, was das alles war.

Die Vergesslichkeit ist hilfreich. Sie trennt Wichtiges von Nebensachen.

Zeitlos

Kumma, kumma, kumma, watt macht der denn da?
Kumma, kumma, schon widder. Watt macht der da?

Ja, weiss ich doch auch nich. Macht der eben!
Da kannse ma sehn, watt man so machen kann! Mittn am Tach.

Ja eben nicht, du Doofmann! Siehs doch gar nix, steht da so rum.
Watt macht der da?!

Ja eben nix, selber Doofmann! Rumstehn eben! Und überhaupt, watt willsse denn, lassn doch.
Iss doch schön, wenn einer nur so rumsteht! Soll er liegn?

Quatsch, watt machen soller. Ein Mensch muß doch watt machen!
Kann doch nich einfach so rumstehn!
Kumma, kumma, steht schon widder da, und macht nix! Soll datt?

Ja weiss ich auch nich. Jetz laß mich endlich in Ruhe mit dein ‚Kumma macht nix‘.
Iss doch alles Quatsch, ker. Gehn wir jetz und lassn ihn stehn, wenner stehn will … komm jetz …

Ich glaub et nich! Finnse wohl gut, wa? Mittn am Tach, so rumstehn und auch noch grinsen.
Kumma, kumma! Und jetz geht er!

Ja prima, wirssen wohl verscheucht haben, Doofmann! Sah doch so schön aus! Und so besinnlich.
Wenn wir jetz noch ma ein sehn, dann hällse einfach mal die Klappe!
Sonns geht der widder so schnell und wir könn kuckn, watt wir machen. Son Mist!

Ach iss doch alles Quatsch, so rumstehn mittn am Tach! Zum Deubel damit, Doofmann!

Gleich krisse se. Selber Doofmann!

Hau dir selber gleich ein rein! Doofmann!

Sach datt noch mal, Doofmann!

Hau dir gleich ein rein! …

Diese Zwei haben sich noch bis in die Dämmerung so unterhalten. Was daraus geworden ist, weiß ich nicht. Geht mich ja auch eigentlich nichts an. Gestern, jedenfalls, sah ich sie friedlich, unverletzt und guter Dinge beim Stadttor auf einer Bank sitzen und gestikulieren. Ich war etwas in Eile.

Ps.: ‚Kumma‘ bedeutet auf Hochdeutsch soviel wie guck mal, schau einmal aber auch sieh mal einer an in Sinne von denk doch mal nach. Hier ist also so ein Begriff wie Wundern auch angebracht.
‚Kumma‘ wurde zu ‚Zeitlos‘, weil es möglicherweise eine Daseinsform, und nicht so leicht zeitlich einzuordnen ist. Von daher habe ich die Überschrift und den Begleittext etwas geändert.

1989/2014, willi.

Flohmarkt (vormals: A saturday morning in spring)

Mai 2013, sorglos treibend.

Nachdem der Frühling doch noch gekommen war und in einer furiosen Aufholjagd versuchte den Sommer zu erreichen, wurde es ihm plötzlich mulmig und er hielt inne. So geht das nicht, dachte er, nacher gewöhnt man sich an diesen Zustand und ich? Habe mein ganzes Pulver verschossen, und die fahren sowieso wieder in den Süden.

Auf jeden Fall kamen wir auf dem Weg zu der wunderschön verschlafenen Stadt durch einen Flohmarkt. Es war nicht zu vermeiden. Unvorbereitet wie wir waren, versperrten uns Menschenmassen den einzigen und gewöhnlich so schönen, verträumten Weg. Da mussten wir jetzt durch oder umkehren. So fügten wir uns in unser Schicksal und betraten diese Ansammlung von Wohlstandsmüll, gespickt mit verborgenen Dingen, die sich als Raritäten entpuppen könnten.

So ganz ist man ja nicht gefeit, zu tief sitzt der Jagdinstinkt. Außerdem kann man die Sachen ja immer zu den Anderen stellen, in den Keller. Wenn man schon mal da ist, und überhaupt, watt willse machen?! Nachdem sich der eine Teil bei dem Angebot an Dekorationsmaterialien informierte blieb mir nichts anders übrig das Angebot an Büchern und Tonträgern zu sichten.

Der Markt zog sich doch länger hin als gedacht. Er war voll und so war an ein zügiges Durchkommen nicht zu denken. Auf etwa der Hälfte eröffnete sich dann doch ein Fluchtweg, der dankend angenommen wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir schon neun Dekokuglen erworben – die, von weihnachtlich, mit etwas Geschick auf Frühling noch irgendwie umgemodelt werden sollten.

Dazu kamen diverse, etwas gebrauchte Bücher, eine Vinylscheibe von George Harrison, eine von Leonard Cohen und eine von Bap. Diese alle ohne Kratzer. Ach ja, ein Bild für das Schlafgemach durfte ich auch noch tragen. Es war etwas angestaubt und passte nicht mehr in die Tasche.

In der Stadt war es auch voll. Ein wenig unbequem waren die Schätze vom Flohmarkt schon zu transportieren. So verzichteten wir auf weitere, reguläre Käufe in den – nur mehr als flüchtig inspizierten – Geschäften. Wir aßen ein Eis in unserer Eisdiele und hatten ein letztes Mal Gelegenheit unser Bild für das Schlafgemach bewundern zu lassen. Es fand Anklang. Auf dem Rückweg wurde der Flohmarkt schon abgebaut. Zum Glück.

Die Dekokugeln habe ich nie wieder gesehen. Unter den Büchern ist eins ganz vielversprechend. Ich sichte noch. Das Bild hat einen neuen Rahmen samt Passpartout bekommen. Es macht sich wirklich gut an seinem neuen Platz. Die Lieder auf den Vinylplatten kannte ich selbstverstädlich alle schon. Es musste eben sein. Wer Spaß hat, der höre ein Stück von Bap: Müsli Män. Die Sprache ist für manche gewöhnungsbedürftig. Textlich und musikalisch brauchen die sich nicht zu verstecken. Einfach nur klasse.

Nachsatz:  Am einundzwanzigsten Juni ist der International Flip Flop Day.

Manchmal

Manchmal bin ich ein Stein
im kalten, klaren und reißenden Fluss;
manchmal Basalt
und manchmal nur Tuff.

Manchmal bin ich ein Holz.
Eiche, und dufte;
klebe als Fichte
und breche vor Stolz.

Manchmal Musik
die niemand gehört;
und wenn ich mich singe
fühlt man sich verstört.

Manchmal bin ich ein Käfer
der nur auf drei Pötten läuft.
Der klingt dann wie Porsche
auch wenn er fast versäuft.

Oder wie ein Kanister vollgepumpt
mit irgendwas;
nur überlaufen macht nass …

 

Dieses Gedicht ist fast dreissig Jahre alt. Ich  habe es G.s Freundin aus Amerika gewidmed. Die kann so wunderbar beiläufig sein. Sie hat damals bei uns gewohnt. Neulich war sie wieder da. Ich glaube ihre Ohrringe hat sie absichtlich vergessen. Sie ist etwas abergläubisch. Dabei ist das in diesem Fall vollkommen überflüssig. Sie weiß das. Doppelt genäht hält eben besser.

 

 

 

Der Trafikant

Ehret ihr immer das Ganze, ich kann nur Einzelne achten, immer in Einzelnen nur hab ich das Ganze erblickt.
Friedrich Schiller, ‘Das Ehrwürdige’ 1796

Es war eine Ahnung, die da zwischen den vielen Buchstaben herausraschelte, eine Ahnung von den Möglichkeiten der Welt. (S.29)

Franz Huchel soll erwachsen werden, und dabei auch noch was von der Welt sehen. Dazu wir er vom Attersee im Salzkammergut nach Wien geschickt. Die Entscheidung fällt der Mutter nicht leicht, aber es geht nicht anders… So wird der junge in die Obhut Otto Trsnjeks gegeben. Er ist dort Besitzer eines Trafik*, ein guter Mensch und so gibt er dem Buben eine Anstellung.

Ein guter Trafikant verkauft Genuss und Lust – und manchmal auch Laster! (S.33) Der Bub bewundert seinen Lehrmeister und verliebt sich im Prater. Unglücklich und unsterblich.
Schnell lernt er die Kunden kennen. Mit einem freundet er sich auf wunderbare Weise an. Es ist der Professor Sigmund Freud.

Mit der Mutter verbindet Franz die Geborgenheit und Wärme der Kindertage. Sie schreiben sich und lesen zwischen den Zeilen: Er schrieb ein paar Zeilen, und die Mutter schrieb ein paar Zeilen, und beide hätten eigentlich lieber miteinander gesprochen oder wären zumindest schweigend nebeneinander gesessen und hätten dem Schilf zu gehört. (S.34)

Das Alles verwirrt ihn. Zu seinem – zwangsläufigen – Erwachsenwerden kommt noch der gesellschaftliche Umbruch, den er mit erleben wird: es ist neunzehnhundertachtunddreissig. Der „Anschluss“ Österreichs steht unmittelbar bevor.
„Die Wahrheit ist selten gemütlich“, (S.41) sagt dazu Freud, sein neuer Freund. Dieser Mann gibt also den analytischen Teil.

Mit großem Interesse habe ich die Perspektiven verfolgt. Das Vermögen des Autors Dinge zu beobachten und sie zu beschreiben finde ich großartig. Fasziniert hat mich die Sprache des Romans. Die Gabe Seethalers, Gedanken auf den Punkt zu bringen, ist nicht immer schmeichelhaft dafür sehr anregend.

„… Was hat dieses ganze verrückte Weltgeschehen überhaupt für eine Berechtigung neben deinen Sorgen?“ – „Sie machen sich lustig über mich, Herr Professor!“ – „Nein, das mache ich nicht!“, widersetzte Freud und erhob statt des Zeigefingers energisch seine Zigarre „Das derzeitige Weltgeschehen ist nichts weiter als ein Tumor, ein Geschwür, eine schwärende, stinkende Pestbeule, die bald platzen und ihren ekeligen Inhalt über die gesamte westliche Zivilisation entleeren wird.“ (S. 138)

Wer unsicher ist, wie das historisch eingeordnet wird, kann dafür jederzeit die Geschichtsbücher bemühen oder Zeitung lesen.

„Könnte es vielleicht sein, dass ihre Couchmethode nichts anderes macht, als die Leute von ihren ausgelatschten, aber gemütlichen Wegen abzudrängeln, um sie auf einen völlig unbekannten Steinacker zu schicken, wo sie sich mühselig ihren Weg suchen müssen, von dem sie nicht die geringste Ahnung haben, wie er aussieht, wie weit er geht und ob er überhaupt zu irgendeinem Ziel führt?“
Freud hob die Augenbrauen und öffnete langsam den Mund…
(S.141)

Wer wissen will, wie die Geschichte um Franz Huchel ausgeht, kann das Buch zur Hand nehmen. Ich habe es als Denkmal verstanden. Genau: ein Denkmal für all die namenlosen Menschen, die etwas Verstanden haben und dafür eingestanden sind. Die Vergangenen genauso wie die Zukünftigen.

Robert Seethaler: Der Trafikant. Roman. Kein & Aber. Zürich 2014. ISBN 978 3 0369 5645 9

Durch die Besprechung im Blog Literatourismus bin ich auf dieses Buch aufmerksam geworden. Ich danke ausdrücklich dafür.

* Trafik:
Eine Tabaktrafik (mündlich stets Trafik, Betonung auf der letzten Silbe) ist in Österreich eine Verkaufsstelle für Tabakwaren, Zeitungen, Magazine, Schreibwaren, Post- und Ansichtskarten (…) Der Name Trafik kommt von dem italienischen Wort traffico = Handel. Betreiber einer Trafik bezeichnet man als Trafikanten/Trafikantinnen. Den Begriff findet man bereits in einem Schreiben von Kaiser Joseph II., der 1784 das Tabakmonopol erließ. Ähnliche Einrichtungen gibt es in den anderen Nachfolgestaaten Österreich-Ungarns (beispielsweise Tschechien tráfika und Slowenien trafíka ) und in Italien, wo sie tabaccheria (in Südtirol Trafik, mit Akzent auf der zweiten Silbe) genannt werden und neben dem Monopol für den Verkauf von Tabakwaren, lange Zeit auch das für Salz hatten.
Von Beginn an wurden Kriegsinvaliden, Soldatenwitwen und schuldlos verarmten Beamten Trafikantenstellen zu ihrer Versorgung zugestanden.

aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Tabaktrafik