Schlagwort-Archive: Freiheit

Die Welt ist dumm

Die Welt ist dumm, die Welt ist blind,
Wird täglich abgeschmackter!
Sie spricht von dir, mein schönes Kind,
Du hast keinen guten Charakter.

Die Welt ist dumm, die Welt ist blind,
Und dich wird sie immer verkennen;
Sie weiß nicht, wie süß deine Küsse sind,
Und wie sie beseligend brennen.

                                Heinrich Heine

Aus: Gedichte, die glücklich machen. ISBN 978 3 458 35997 5

Zeit (war: Tausendfüßer und Regenwurm)

Zeit ist alles was man braucht.

Mist. So sagen die einen (sonst ernst).
Hä?! So die anderen (oder willi).
Mit den Schultern zucken die dritten.

Wenn Menschen mit der Zeit konfrontiert werden, sind sie oft ärgerlich, wütend oder verzweifelt. Manche reagieren zornig, sind aufbrausend. Andere haben vielleicht schon aufgegeben, bleiben scheinbar gelassen. Zeigen sich weise oder haben sich einfach abgefunden.

Natürlich ist Zeit haben leichter als als gedacht und trotzdem ist es schwer es dann doch zu tun. Wir alle glauben ja insgeheim – nur insgeheim – wir glauben also, wir seien unverwundbar und das Leben dauert ewig.

Bemerken wir dann, dass es nicht so ist, sehen wir oft nur noch die Rückleuchten. Der Zug ist längst abgefahren. Wir hadern dann mit dem, was gemeinhin als Schicksal bezeichnet wird.

Dem ist es nämlich vollkommen egal, wie wir Leben. Es hat kein Gewissen. Da geht es nicht um gut und böse. Das sind menschliche Kategorien. Möglich, dass es ein Spiel ist. Die Regeln sind hart und kaum gerecht. Zocker wissen was ich meine.

Leben ist so.
Oder so.
Gerecht ist was anderes.
Dumm gelaufen.

Ein Tausendfüßer überlegte einmal, welches Bein er zuerst.. Genau. Seitdem gibt es den Regenwurm.

Das mit der Zeit sagt sich sehr leicht. Es ist schwer getan. Doch ich glaube, trotz allem, es geht nur so.
——————-
Siehe dazu die guten Artikel Die letzten Worte von guinness44 oder Deine Reise von marga auwald.

Von Tina Dickow habe ich dazu Musik gefunden: So http://www.youtube.com/watch?v=Kkw3R8Qotro oder so http://www.youtube.com/watch?v=Z6ZeqDEHg_M.

Schon wieder

…ein voller Mond.

Das passiert doch monatlich. (Nicht, dass wir das vergessen.)
Um es mit Jochen Malmsheimer zu sagen: Früher war nicht alles besser.
Vieles war aber immerhin brauchbar.

Das nette ist ja, dass unsere Vorurteile nichts mehr Wert sind.
Geiz ist eben geil.
Denkste!

So ist es aber auch umständlicher. Auf nichts scheint mehr Verlass.
Außer dem Vollmond (den kaum einer mehr wahrnimmt).
Statt dessen sind wir alle verlassen.
Wir sind ja so beschäftigt.

War der Prüfauftrag einstmals die Kür
ist er nun verbindlich für alles und jeden.

PS.: Dazu gibt es nochmal Jochen Malmsheimer. Dieses Mal im ICE unterwegs.

Was soll’s?

Wenn einer, der mit Mühe kaum
geklettert ist auf einen Baum
schon meint, dass er ein Vogel wer
so irrt sich der.
W.Busch

So irrt sich der.
Es liegt etwas in der Luft. Man kann es schnuppern.
Offenbar haben viele Menschen einen Hang, sich Orientierung zu suchen.

(The Beatles Hey Bulldog! und quasi als Endpunkt: The Beatles – Don’t Let Me Down.)

Dazu sucht man sich gern mal so gebrochene Typen. Da gruselt es sich so schön, und ausserdem ist es ja alles gar nicht sooo schlimm. (Es hat noch immer gut gegangen.)

(The Band – Forever Young. Ich mag noch immer lieber: Andre Heller & Wolfgang Ambros – Für immer jung 1982. Klar sind das anfangs auch Epigonen, aber was für welche:
André Heller – Wie mei Herzschlag.)

Also, wie soll man denn wissen, was man mal macht, ‚bevor‘ man es macht? *

Erasmus v. Högendorf verstarb übrigens vor etwa dreihundert Jahren schon an der Erkenntnis, dass das Leben zu Ende gelebt werden muss.**
Das soll’s – sonst eher nichts.

* J.D. Salinger: Der Fänger im Roggen. Die Neuübersetzung von Eike Schönfeld. 1.Auflage – Köln: Kiepenheuer&Witsch, 2003. ISBN 3 462 03218 6
(Erstveröffentlichung: 1951 unter dem Titel The Catcher in the Rye)

** Hanns Dieter Hüsch: Rede vom Leben. Zitiert nach: Gesellschaftsabend.
ISBN: 3 932219 30 9

Bap – Maat et joot 2006 live

Gestern Abend war schon wieder Vollmond

Um es mit Jochen Malmsheimer zu sagen: Früher war nicht alles besser. (Das Wurstbrot)

Vieles war immerhin brauchbar.

Das nette ist ja, dass unsere Vorurteile
nichts mehr Wert sind.
Geiz ist eben geil.

So ist es aber auch umständlicher.
Auf nichts ist mehr Verlaß.
Statt dessen sind wir alle verlassen.
Oder werden es.

War der Prüfauftrag die Kür
ist er nun verbindlich für alle und jeden.

PS.: Dazu hatte ich Leonard Cohen im Ohr. Er singt Dance Me to the End of Love

Martin Luther & Thomas Münzer. (War mal: Das digitale Debakel)

31. Januar 2016

Wenn du dich in einer Situation wiederfindest, wo du deine Versprechen nicht einhalten kannst, das nennt man wohl einen Albtraum.

Das Internet vernichtet Arbeitsplätze, unterbindet den Wettbewerb und befördert Intoleranz und Voyeurismus. Es ist kein Ort der Freiheit. *

Das ist eine ziemlich starke Dröhnung, die wir da verpasst bekommen. Von Freiheit und Überwachung wird die Rede sein. Wie leicht man abhängig wird, obwohl man immer glaubt ungeschoren davon zu kommen. Die Schere zwischen Armen und Reichen wird ebenso thematisiert wie die Frage, wo denn der Mitte einer Gesellschaft geblieben ist.

Das gute alte Internet ist so allmählich ins Gerede gekommen. Und nichts geschieht zufällig, wie mir scheint. So lese ich zur Zeit Das digitale Debakel von Andrew Keen. Das Buch war plötzlich in der Bibliothek und es ist mir dort ins Auge gefallen.

Mit schon fast literarischer Qualität beschreibt sein Autor hier, wie es dazu kam und vermutlich auch, wie es weitergehen soll. Was die Vergangenheit anbelangt, so kann ich manches nachvollziehen.

Von Zukünftigem habe ich noch nicht gelesen. Das Bild bis dato:. …wenn man das Gesuchte nicht entdeckte, dann arbeiteten in den Läden keine Algorithmen, sondern Menschen aus Fleisch und Blut, die den Kunden Fragen beantworten und Hör- und Kaufempfehlungen geben konnten. S.149f

Ein Algorithmus – wenn er denn ernst genommen werden soll – darf niemals subjektiv wirken. Er ist also nicht menschlich. Er ist Maschine.

Andrew Keen: Das digitale Debakel. Warum das Internet gescheitert ist – und wie wir es retten können. Deutsche Verlags-Anstalt. München 2015.
ISBN 978 3 421 04647 5
Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer.

* Auszug Klappentext, ebenda.

_______________________________

Gelesen hatte ich in der Jugend: Martin Luther & Thomas Münzer oder Die Einführung der Buchführung. Das ist ein Theaterstück von Dieter Forte.

Wiedergefunden habe ich es in meinem schon sattsam bekannten Kellerregal. Bekannt wurde ich mit dem Buch, weil ein Lehrer im Unterricht vor meinem Abitur meinte, es sei gut für unseren geistigen Werdegang.

Dieses Stück prüft unsere Vorstellungen über die Reformation, die Bauernkriege und die Entstehung des Kapitalismus. … Die historische Wahrheit erscheint uns neu, die Situation vertraut… **

2.Bürger(ruft): ‚Das kostet Geld. Kostet alles unser Geld. Habt ihr überhaupt Geld?‘
3.Bürger: ‚Nur wer Geld hat, darf auch eine Meinung haben, weil er dann von vornherein die rechte Meinung hat.‘
1.Bürger: ‚Überhaupt geht nix über Geld. Was brauch ich da noch eine Meinung.‘
S.7

Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Oft kommt es in anderer Gestalt auf den Plan. Die Beweggründe scheinen aber die alten zu sein. Hier schließt sich dann ein Kreis.

Dieter Forte: Martin Luther & Thomas Münzer oder Die Einführung der Buchhaltung. Verlag Klaus Wagenbach. Berlin 1972. ISBN 3 8031 0048 8

** Auszug aus der FAZ auf dem Umschlag, hinten. Ebenda.

PS.:
So richtig gläubig bin ich wohl nicht. Es dauert manchmal, bis ich etwas verstanden habe. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Das geht auch ohne Gott. Kann man denn christlich sein ohne an Gott zu glauben? Was ist das überhaupt für ein Wesen? Oder ist es ein Gedanke?

Zum Staunen ist immer etwas da. Und der Zweifel ist auch nur eine Form von Nicht-Wissen. Von daher ist immer was zu tun. Zu den Beobachtern fühle ich mich zur Zeit besonders hin gezogen. Ich bin davon überzeugt, das nur so ein Leben gerade möglich ist. Und was danach kommt das wissen wir ja auch nicht. Wir haben so unsere Überzeugungen.

An dieser Stelle danke ich allen, die – wissentlich oder auch unwissentlich – auf mich acht gegeben haben und dies auch hoffentlich noch lange weiterhin tun werden. Demütig ist das und versprochen ist, dass ich mich auch weiterhin bemühen werde acht auf die Nächsten zu geben.

„Ich will keinen Realismus mehr, ich will verzaubert sein.“ Blanche DuBois in Endstation Sehnsucht.

Trotz alledem

Manchmal geht es so.

Fett/Anthrazit Blog

Das Leben ist schön.
Manchmal,
aber dann sehr.

Dauergrinsen
ist zu anstrengend.
Ausserdem glaubt das keiner.

Qualen gibt es genug.
Es haben sich Menschen
auch schon totgelacht.

Ursachen für Gram und Tod
gibt wie Sand in der Wüste.
Groß ist überall die Not.

Und manchmal
ist das Leben schön.
Trotz alledem.

Ursprünglichen Post anzeigen

Nicht schon wieder Stau!

Ein Treffer

Das Buch könnte auch verpaßte Gelegenheiten, displaced Persons oder schilcht Warten zum Titel haben. Denn gewartet wird genug in den Geschichten: auf Leute, auf Gelegenheiten. Und immer sind Hoffnungen und Menschen im Spiel. ….

Nicht schon wieder Stau! war als Joke gedacht. Mein Mitfahrerin brachte es mir, von ihren posturlaublichen Einkaufsbummel mit. Es war ein schöner Urlaub an der See aber dort hatte sie nicht das richtige Gefunden. Ich hatte mir vor dem Spiegel unserer Ferienwohnung – quasi als Resümee der Reise – vorgenommen nie mehr auf bessere Zeiten zu hoffen. Statt dessen sollte alles so genommen werden, wie es war.

Und so kam es denn, daß wir direkt von einem Stau zum nächsten fuhren. So ruhig war ich selten angesichts der erwartbaren Zeitverschwendung. Unsere Verweildauer auf der Bahn verdopplte sich. (Gefühlt war es das vierfache!)

Auf der S.23 las ich später bei John Irving folgenden Satz:
„Die Gefühle am frühen Morgen gehören zu den Illusionen, denen wir uns hingeben müssen, wenn wir je irgendetwas schaffen wollen.“

Die Geschichten waren vielleicht als Entschädigung gedacht, für das was hinter uns lag. Pottendorf war das Ende von allem. Ich habe diesen Ort nie gesehen. Der Name, in Echt war er etwas anders, ich wollte niemandem zu Nahe treten.

So wurde aus Wut Spaß. Auf jeden Fall standen wir in der Nähe dieses Ortes in einer Schlange, mit den anderen von der Autobahn… um zu warten. Nahe der Heimat, auf sog. Schleichwegen ist das besonders schlimm.

„Die Leute lernen in Wirklichkeit nur sehr wenig über sich selbst, als würden sie es in Grunde genießen, sich fortwährend preiszugeben.“ S.36 (Irving)

Gewartet wird immer… und wenn es nur auf den Bus zur Arbeit ist. Solange man das Gefühl hat, es ginge irgenwie weiter, ist noch Hoffnung da; so hält es die Geister scheinbar wach.
Warten trägt dann.

>>Reisen ist eine arge Beschäftigung. Das moderne Unterwegs ist womöglich noch schlimmer als das vergangene. Früher wurde man von unkonzessionierten Räubern überfallen und ausgezogen, und man hatte immerhin das Gefühl, dass einem Unrecht geschähe. Das hat sich geändert<<, so Erich Kästner. Statt Raubüberfällen gibt es heute Flugverspätungen, verlorene Gepäckstücke und verstopfte Straßen. Da kann man froh sein, wenn man überhaupt ans Ziel der Reise kommt. Nicht schon wieder Stau! versammelt wunderschön hinterhältige Reisegeschichten von John Irving, T.C. Boyle, Martin Suter, Doris Dörrie, Anna Gavada und vielen anderen. *

Nicht schon wieder Stau! Hinterhältige Reisegeschichten. Diogenes TB. Zürich 2009. ISBN 978 3 257 23949 2

* Text vom Umschlag hinten, ebenda.

Die Zeit, nochmal

Ehret ihr immer das Ganze, ich kann nur Einzelne achten,
Immer in Einzelnen nur hab ich das Ganze erblickt.

‚Das Ehrwürdige‘ Friedrich Schiller, 1796

Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde. Pred. 3,1;

Wir wollen das Jetzt und zwar sofort. Gratis auch. Sich selber beschäftigen ist harte Arbeit.
Es artet dann oft noch in Investitionen aus. Das wird gern unübersichtlich.
Fast nichts geht von selbst, und alles birgt zum Überfluss die Möglichkeit des Scheiterns.
Nur Zeit geht von selber.

zeit, zeit, was hast du aus ihnen gemacht. früher haben sie dich ausgelacht,
doch heute bist du am zug.
André Heller *

Nach meinem Eindruck ist es der Zeit schlichtweg egal was wir machen. Es gibt Auffassungen, nachdem die Zeit selbst es ist, die festlegt wann was geschieht und wann nicht. Ich weiß noch nicht, ob das stimmt. Aber wenn der Satz richtig ist, dann wird für mich vieles noch spannender.

Ontisch:

Ach du liebe Zeit
Ach du diebes Zeit
Ach du Lieblichkeit
Ach du alter Freund

Ach du Schadensfreud
Ach du gute Güte
Ach du liebes Bisschen
Ach du dumme Jung

… du liebe Zeit

Das Budget schimpft, immer.

Geldhatkeingeruchsempfindendafürabereinensinnfürseinesgleichengeldinterssiertsichfürnichtswirdaberdurchmehrwerdeninteressantdaistesmitdemlebeneinignurüberdierichtunggibtesschonmaldiskussionen. Wie gemein.

Eine Mäusepopulation bricht zusammen, wenn es keine Pausen mehr gibt.
Alles hat seine Zeit. Pred. 3,1;

Daraus ergeben sich zwangsläufig neue Fragen.
Zum Ersten: Warum heult ein Indianer?
Zum Zwoten. Heult er überhaupt?
Und zum Dritten, wenn der Indianer heult: Wann nimmt er sich die Zeit dazu?

Close your eyes/Have no fear/The monster’s gone/He’s on the run and your daddy’s here … J.Lennon **

So gesehen ist Zeit immer jetzt. Alles andere war Geschichte oder wird Zukunft. Beides ist nur in Geschichten wahrnehmbar. Von der Gegenwart aber gibt es keine Geschichten.

Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Pred. 1,9;

* Die Damen über fünfzig. Platte.
** Beautiful Boy (Darling Boy). Lennon Legend.

Zu: Der Name der Leute

Ignorieren hilft nicht. Und Gewalt gebiert immer neue Gewalt. Das ist vielleicht ein Mist!

Am 17. März 2014 schieb willi:

Irgendwas ist ja immer, man merkt das oft nur nicht so.

Mit den Altachtundsechzigern bin ich quasi aufgewachsen. Habe ich im TV verfolgt. Zu uns kam das alles zeitversetzt. Da war das schon irgendwie etabliert.

Revoluzzertum und so. Jeans und Parka. Mein großer Bruder trug damals interlektuelle Cordhosen. Manchesterhosen, wie mein Vater sagte. Solche Nietenhosen wollte der Vater mir dann doch selbst schneidern. Dieses gekaufte Zeuch taucht doch nix, so war sein Urteil.

Also Nähmaschine raus. Der konnte sowas. Legendär die Karnevalsausstattung als Texas-Ranger. Alles in der Küche produziert. Aus Teppichresten die Colt-Tasche und der Hut wurde mit Wasserdampf ein echter Cowboy-Hut. Und ich: der Star. Aber eine Nietenhose? Das war nicht amtlich. Man hatte doch einen Ruf zu verlieren. Nietenhose!

Eine echte Levis musste es schon sein. Und ein US-Parka à la Woodstock. Schließlich war das Leben ja kein Karnevalsumzug! In unserer Stadt wurde sogar einmal eine Straßenbahn blockiert. So sagte man. Sowas geht doch nicht in Nietenhosen. Wenn, dann nur in US-Jeans. Und zwar die Echten! Jawohl.

Vorher: Die Luft war so zäh. Über allem lag so eine Grundangst. Die Angst vor der verletzten Etikette. Jeder benutze das „Sie“, sogar die Studenten untereinander. Selbst der Protest der Halbstarken drohte zu ersticken. Es knirschte überall. Statt Frivolität zu versprechen waren die Nylons der Frauen muffig.

Sonntags wurde den Jungen kratzende Hosen angezogen und die weißen, stylischen Nyltesthemden waren bügelfrei. Dafür stanken sie nach kurzer Zeit bestialisch. Dem Himmel sei Dank, wir hatten einen Küchenherd.

Die Großen hatten in der Küche Wichtiges zu erörtern. Die Hände in den Taschen tat ich erwachsen. Ich kam dem Herd dabei zu nahe, und hatte unversehens ein Loch ins Sonntagshemd geschmolzen. So wurde die Ära Nyltesthemd beendet, ganz ohne Revolution.

Im Nachhinein kommt es mir so vor, als wären die swinging sixtees eine Erfindung des Fernsehns. Die Ermodung der Kennedys, die 13 Tage der Cuba-Krise, den Chrustschow, Muhammed Ali und Martin Luther King. All die hat es doch gegeben. Kann man doch alles nachlesen. Trotz des Vietnam-Krieges oder den Beatles, das Leben ging einfach so seinen Gang.

Da konnten die Kommunarden in Berlin oder Frankfurt noch so habermasen und dutschken. Die Revolution fand für uns doch nur im Fernsehen statt. Und Sonntags? Da kamen dann sechs Journalisten aus aus fünf Ländern und schwadronierten über die Weltlage. Es wurde ihnen eingeschenkt und sie rauchten. Alles öffentlichrechtlich.

Wenn es dunkel wurde, hatte man trotz allem ins Bett zu gehen. Morgen war schließlich auch noch ein Tag. Vielleicht war ja dann der Umbruch da.

Nachsatz: An diesem Tag habe ich einen reizenden Film im TV gesehen. Das war auf EinsFestival. Das war ein französisches Märchen und spielte in Paris. Der Name der Leute war der Titel. Es trafen willi und ernst aufeinander. Also eine halb-algerische wilhelmine und ein halb-jüdischer Franzose den ich nur als ernst bezeichnen kann. Eine Gesellschaftssatire, die als Liebeskommödie daherkommt. Wunderbar.

Die Sonne schien, da sie keine andere Wahl hatte, auf nichts Neues. S. Beckett

Michel Leclerc: Der Name der Leute. Film, Frankreich 2010.