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Oben ist es still 3

Am meisten erinnere ich mich an die Krähen dieser Geschichte.

Komisch, was man so alles mit sich herumträgt. Mein Vater war gestorben. Und ich las von diesem holländischen Bauern: Helmer van Wonderen räumt auf. Er verfrachtet seinen Vater ins Obergeschoß des elterlichen Bauernhauses und richtet sein Leben neu ein. Doch die ländliche Ruhe währt nicht lang, … *

Mein Vater wurde einundachtzig. Er ist also im Herbst 2011 gestorben. Es war in der Nacht von 3. zum 4. Oktober als er mit dem Notarzt in die Klinik gefahren wurde. Von da an lag er halbseitig gelähmt für mehr als neun Jahre im Bett und starrte mehr oder weniger an die Decke. Das konnte ihm nicht recht sein. Niemandem war so richtig klar, was er noch erkennen konnte. Der Fernseher lief nun ohne Unterbrechung. Er war noch nicht fertig mit dieser Welt. Und immer rieselte dieser Fernseher.

Er wurde wunderlich, oft war er griesgrämig, selten zu Scherzen aufgelegt schien er sich zunehmend mit sich selbst zu beschäftigten. Mit Geschichten von damals und mit seiner Verdauung. Wenn ich zu ihm kam, einmal die Woche nahm er mich schon mal mit auf seine Reisen, im Kopf. Häufig war ich öfter bei ihm – unangemeldet, aber das machte ihm kaum Freude. Wenn ich jedoch an dem Tag, an dem ich frei zu haben hatte, zu ihm kam, dann war er schon den ganzen Morgen damit beschäftigt, mich zu erwarten.

Das war die erste Lektion, die ich von dem alten Mann empfangen durfte. Es sollten noch viele folgen. Wir hatten plötzlich Zeit. Viel Zeit. Die verbrachten wir mit einander. Ich lernte ihm die Haare zu schneiden und war sein Chauffeur. Er bestimmte die Richtung. Die Pfleger taten ihres. „Jeder Tag mehr, ist ein Tag weniger.“ Dieser Satz stammt nicht von ihm, den habe ich von meinem Lieblingsdichter. Er könnte von ihm sein. Wenn ich es recht überlege, der war ein echter Niederrheiner. Der konnte alles erklären, wusste aber nichts, verstand doch so viel und war manchmal einfach nur sprachlos. Ein Mensch, der nur aus Gefühl bestand mit dem Quäntchen Bauernschläue und dem Willen sein Ziel – welches das auch sei – zu erreichen, das war er.

Mein Vater war es auch, der mir in Verkleidung eines Freundes daher kam. Diesen Mummenschanz tat er als Vater, freundlich zwar, aber als Vater. So hat er mich erreicht und das war die letzte Lektion, die er mir erteilte: Respekt der sich aus Liebe speist.

Als ich Trost brauchte habe ich die Geschichte von Bakker gelesen. Und nicht verstanden. Da lag mein Vater schon vier Jahre immer auf einer Stelle… und es dauerte nochmal fünf Jahre bis er loslassen konnte. Ich glaube fest, er hat es mit Bedacht getan. Jetzt ist mir der Bakker wieder ins Auge gefallen. Ich kann ihn noch nicht lesen. Aber ich habe es versprochen.

Aber die Krähen, sie begleiten mich. Und es ist mir, als ob sie lächeln.

Gerbrand Bakker: Oben ist es still. Roman. Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke. Suhrkamp TB. 2010.
ISBN 978 3 518 46142 6
* Ebendort: Umschlag, hinten.

Nachtrag: Die ganze Welt paßt auf den Fingernagelrand meines rechten Daumens. Immer gerade dann, wenn ich glaube dies begriffen zu haben, steht neben mir so ein Bademeister mit zwei, drei Helfern. Mit Wurzelbürsten bewaffnet lächeln sie…

Wirklich gute Besprechungen findet man über diesen Weg: Nederlandstalig! Gerbrand Bakker – Oben ist es still

Die Welt ist dumm

Die Welt ist dumm, die Welt ist blind,
Wird täglich abgeschmackter!
Sie spricht von dir, mein schönes Kind,
Du hast keinen guten Charakter.

Die Welt ist dumm, die Welt ist blind,
Und dich wird sie immer verkennen;
Sie weiß nicht, wie süß deine Küsse sind,
Und wie sie beseligend brennen.

                                Heinrich Heine

Aus: Gedichte, die glücklich machen. ISBN 978 3 458 35997 5

Aus der Mitte entspringt ein Fluss

Meine Kerze brennt an beiden Enden. Sie übersteht diese Nacht nicht.
Aber sie spendet meinen Freunden und allen meinen Feinden ein wunderbares Licht.
*

Vor Jahren habe ich den Film im TV gesehen. Meiner Frau zu Liebe. Sie hatte den Film im Kino schon gesehen (Frauentag), da hat so einer wie ich nichts zu suchen. Sie fand ihn bemerkenswert, ich auch.

„Unter der strengen Obhut ihres Vaters, ein presbyterianischer Priester, wachsen die Brüder Norman und Paul in der unberührten Wildnis Montanas der 30er Jahre auf. Zwei Brüder, die gegensätzlicher nicht sein können: Paul, provozierend und aufsässig, Norman, ruhig und besonnen. Ihr Vater erzieht seine Söhne im Einklang mit Gott und der Natur und vermittelt ihnen die mythischen und mystischen Seiten des Lebens. Ihre Gemeinsame Leidenschaft: Das Fliegenfischen am Fluß, der selbst ein Teil der Ewigkeit ist.
Der Kindheit entwachsen ist Paul Journalist geworden, verfällt dem Alkohol, macht Spielschulden und landet wiederholt im Gefängnis. Der intellektuelle Norman hingegen ist zurückhaltend und träumt davon, die Welt ausserhalb Missoulas zu entdecken. Bald muss der eine Bruder die Bedeutung des Wortes Familientreue erfahren, nachdem der andere in größere Schwierigkeiten denn je geraten ist.“ Text aus dem Inlet.

Norman ist am Ende allein übrig. Er sagt: „Am Ende fließen alle Dinge ineinander, und aus der Mitte entspringt ein Fluss. Der Fluß wurde bei der großen Überschwemmung der Welt begraben und fließt aus dem Keller der Zeit über Steine. Auf einigen der Steine befinden sich zeitlose Regentropfen. Unter den Steinen sind die Wörter. Doch einige Worte wird man nie verstehen.. Ich kann mich dem Wasser nicht entziehen.“

Robert Redford: Aus der Mitte entspringt ein Fluss. USA. Spielfilm 1992. Mit Brad Pitt, Craig Sheffer u.a. (DVD)

* Trinkspruch von Norman 😉

Ein wunderbarer Film.

Zum Tag des Deutschen Brotes

Heute Morgen machte mich mein Haussender auf den Tag des Deutschen Brotes aufmerksam, der gestern wohl gefeiert wurde. Es war doch nur als launige Überleitung zum Wetter gedacht. Man ist ja besonders morgens in Eile.

Egal jetzt hat sich das verselbstständigt. Darum kommt jetzt ein Schwank aus der Jugend.

tod des bäckers (überschrift)

bäckersfrau und bäckerbube
stehen in der bäckerstube
des nachts, bei licht
– es ist halb vier
der bäcker bäckt nicht
und trinkt bier
seit stunden schon
in seinem zimmer
und lächelt hohn
beim kerzenschimmer
weil bäckersfrau und bäckerbube
backen in der bäckerstube.

so geht es schon drei tage lang
und manchmal hört man auch gesang
aus bäckermeisters feierzimmer
wo er so sitzt bei kerzenschimmer.

die bäckersfrau hat viel verdruß
weil sie doch immer backen muß.
jetzt ist es zeit für eine wende
denkt bäckers frau und geht behände
bewaffnet in die feierstube
allein, jetzt bäckt der bäckerbube
mit freude einen schokokuß
doch in die stille kracht der schuß
gefeuert von der bäckersfrau
auf ihren mann, die faule sau.
der schokokuß des bäckerbuben
ist bei dem Schuß dann noch zerstoben.
..
willi 1987

Unklar bleibt, wie die Geschichte ausgegangen ist. Es ist zu vermuten, für die Restfamilie nicht so besonders.  Und für den willi?

Nachsatz:
Ursprünglich hatte willi nicht ‚Schokokuß‘ verwendet. Wir alle wissen, ist das Wort N****kuß heute nicht mehr politisch korrekt. Ich glaube fest, dass seit diesem – nennen wir es mal – Vorfall die Sitte in Backstuben aufkam, frische(!) Brötchen zu zerteilen, um zwischen die beiden Hälften ein mit Schokolade überzogenes Etwas aus Eiweißschaum, auf einem Waffelboden (der stark an Esspapier gemahnt), zu quetschen. So gesehen war das Ableben dieses Bäckers gleichsam der Tod dieses schrecklichen N-Wortes und die Geburtsstunde einer lukullischen Spezialität. Das Bäckergedächtnisbrötchen war also geboren. Ein Genuss für breite Teile der Schülerschaft. willi scheint das vollkommen zu ignorieren. Sowas!

mick 2013

Ich weiß nicht, ob ihr es schon mitbekommen habt..

..er hat es schon wieder getan!

Der Vollmond war wieder da. Und die Kumpels sind unterwegs. Mist.

Alles muss man selbst machen, obwohl Here Comes The Sun – The Beatles Tribute.

Der Sonnenaufgang folgte sogleich, herrlich! OFFICIAL – Somewhere Over the Rainbow 2011 – Israel „IZ“

In diesem Sinne, eine schöne Restwoche, mick

Ein Mirabellenbäumchen soll es sein -wird es!

Erstens kommt es anders und zweitens als man…

Seit gestern Morgen um 04:02Uhr sind sie zu 4. 🙂

Sie haben einen kleinen Riesen (4260g und 56cm; KU 36cm) bekommen: „Er heißt E… E trägt später Bart und spielt Football, so oder eben anders.“ 😉 Sie werden es sehen. „Auf jeden Fall bringt er N schon gut aus der Fassung. Wenn der Kleine weint, hyperventiliert der Große mit. Ansonsten findet N den kleinen Bruder ganz cool und der Ausflug in der Nacht war auch ein Abenteuer, also kann so ein Baby gar nicht so schlimm sein.“

N hat ihr in der Nacht gut zugeredet: „Mama, alles klar?“; „Mama, das ist nicht so schlimm!“; „Heute wird ein schöner Tag.“ Kinder wissen eben Bescheid 🙂

„Die Geburt verlief schnell. Hatte die 26Std wohl schon vorgearbeitet, davon hab ich aber wenig mitbekommen. Um 02:30Uhr bin ich dann wach geworden, um ca 03:00Uhr hab ich V und die Hebamme geweckt. Gegen 03:30Uhr waren wir im Geburtshaus und um 04:02Uhr war er dann da. Seit 06:30Uhr sind wir wieder zu Hause und es ist alles gut. Kind trinkt und pinkelt, Mama liegt soviel wie es geht (leider ist der Damm gerissen, was bei der Geschwindigkeit wohl nicht ausbleibt) Der Papa bändigt N. Überschuss an Energie und Euphorie.“

Ihre Hebamme ist Gold wert. …

„Also, liebe Grüße aus dem Wochenbett! Wenn uns jemand sucht, wir sind hier.

V, N, E und P“

N ist drei und jetzt der Große. Und Oma freut sich und ist mit Opa furchtbar stolz, glücklich und zufrieden. Die Brüder der jungen Mutter auch. Die Schwiegereltern haben schon mehr Erfahrung mit dem Großeltern sein. Sie haben sofort und prompt reagiert. Das war gut!! Danke.

Jetzt soll es also ein Mirabellenbäumchen sein -wird es!

Dazu: Listen to the man.

Vergessen kann helfen (muss aber nicht)

Vergeßt all den Kram, das Geseiere, oder das wohl kalkulierte Fabulieren. Alle die gut gemeinten Ratschläge; Ratschläge sind auch Schläge. So etwas braucht niemand. Aber eins brauchen alle und nur das zählt: Everybody needs somebody 😉

Der Film von 1980 ist längst Kult. Ich habe schon darüber nachgedacht, ob ich über den Film mal einen Artikel schreiben sollte. Es ist dann dabei geblieben, glaube ich. Vorgestern war ich also im Stadttheater. Und da ging mir ein Licht auf…

Dort gab man ein Stück über The Blues Brothers. Den Film habe ich schon oft gesehen. Das Stück war einfach nur klasse. Gar keine Frage. Das war so eine Art Musical. Der Kern war die Entstehung des Films von 1980.

Mehrere Zugaben hatte das Ensemble zu geben. Das Publikum gab dazu standing ovationes. Es schien als könnten die Beteiligten endlos so weiter machen. Es war ein Fest. Die Botschaft ist absolut nichts Neues. Also, warum gibt es noch Hass und das dadurch verursachte Elend.

Nie wieder möchte ich auf so einer Gedächtnisveranstaltung sein. Nicht, weil ich das Durchschnittsalter nicht nach unten habe drücken können. Die Zuschauer waren fast alle so alt. Zeitgenössisch eben.

Zum Ende hin wurde es dann doch dramatisch; so, wie ich es in dem Film nicht bemerkt habe. Im Grunde habe ich das verstanden. Für mich war dann Schluß. Doch da fing die Party erst richtig an.

Da war ich dann wohl irritiert. Meine Begleiterin brachte es auf den Punkt, als sie bemerkte: Wie kann man nur so blauäugig sein?

Deplaziert ist der richtige Ausdruck. Einfach deplaziert fühlte ich mich. All die adretten Alten und diese Berufsjugendlichen waren wohl auf’s Feiern aus. „Schließlich ist Karneval oder Fasching. Sowas halt. Da geht man zum Lachen doch auch nicht in den Keller!“ Genau.

Vergeßt alles – die rosa Elefantenden ganzen Kram eben – und merkt Euch nur dies eine 🙂

Am Ende wird dann alles gut. Und wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende. (Frei nach O. Wilde)

Oben ist es still

Am meisten erinnere ich mich an die Krähen dieser Geschichte.

Komisch, was man so alles mit sich herumträgt. Mein Vater war gestorben. Und ich las von diesem holländischen Bauern: Helmer van Wonderen räumt auf. Er verfrachtet seinen Vater ins Obergeschoß des elterlichen Bauernhauses und richtet sein Leben neu ein. Doch die ländliche Ruhe währt nicht lang, … *

Scheiße, wenn man seine Zeit verplempert. Es ist so eine verfluchte Modeerscheinung ‚offensein‘ zu müssen, darauf bin ich hereingefallen. Es wird gern mit Freiheit verwechselt und die Leute fühlen sich dann immer festgehalten. Darum laufen sie weg. Kannst du dir das Chaos in einer Einkaufsmeile vorstellen, wenn sich plötzlich alle Leute mitteilen, dass sie ihre gegenseitige Nähe unbedingt brauchen?!

Mit verstörten Gesichtern würden sie über die Fahrradständer, die Tische und Stühle der Cafés stolpern. Mit den Nasen würden sie an die Plakatwände klatschen. Die immer Neugierigen, die noch nichts mitgekriegt haben, kämen aus den Stehcafés und würden mitgerissen. Noch im Fallen würde man ihnen Gefühle mitteilen; im Rausche schlössen sie sich der allgemeinen Konfusion an, um dann schließlich mit gequollenen Augen und reichlich blauen Flecken das Weite zu suchen. Die Menschenströme ergössen sich in die Seitenstraßen. Die Kneipen im Riemekeviertel füllten sich plötzlich mit Leuten, die im Schatten ihrer hochgeschlagenen Mantelkragen auf den Schreck schnell ein Bier stürzen. Stille.

Die frustrierte Bauchtänzerin müßte ihre Darbietung aus Pietätsgründen abbrechen. Keiner klatscht. Keiner steckt ihr Geld zu, nichts. Alle mit sich selbst beschäftigt. Statt dem guten türkischen Essen wird ein Schreck verdaut. Peinlich.
Und ich? Ich stehe an der Ecke, nahe beim Ausgang und suche ein Gesicht ohne Mantelkragen. Ohne Mantelkragen davor – wie immer …

So geht es einen Monat lang, oder zwei. Anfangs nur zum Wochenende. Dann, gelegentlich Dienstags und Donnerstags und zum großen Liborifest eskaliert es. Täglich explodiert die Gefühlswoge und schwappt über die Grenzen der Innenstadt in die Randbezirke. Die ersten Geschäftspleiten zeichnen sich ab. Also haben die Kaufleute im Verein mit den Wirten in aller Eile eine Initiative gegen Gefühlsduselei gegründet.

Angestellte müssen nun in Sonderschichten Flugblätter verteilen und auf offener Straße agitieren. Alle sind mit sich selbst beschäftigt, kein Mensch hat mehr das Bedürfnis Geld auszugeben. Von einem, in Hast gestürzten, Bier kann kein Wirt überleben. Wenn alle nur mit sich selbst beschäftigt ein Bier stürzen und zahlen, geht die beste Kneipe baden. Die Bauchtänzerin hat sich längst ein anderes Wirkungsfeld gesucht.

Die regelmäßig gewordenen Gefühlsausbrüche der Passanten haben auch die Schutzpolizei auf den Plan gerufen. Gerade der Berufsverkehr kam immer wieder zum Erliegen. Verletzte und bislang zwei Tote sind zu beklagen. Der Stadtrat Jäger stellt im Bezirksausschuß eilig den Antrag, angesichts der sich dramatisch zuspitzenden Situation an den neuralgischen Punkten der Innenstadt besonders geschulte Paniklotsen einzusetzen. Von der Mehrheitsfraktion wird dieser Antrag aus Kostengründen mit Unterstützung der F.D.P. abgelehnt.

Dagegen wird in aller Eile bei der Polizei eine Sonderkommission eingerichtet. So will man die Rädelsführer dieser Verschwörung dingfest machen. Hauptkommissar Willi Burgmer, eigens aus Bielefeld zurückbeordert, leitet die vierköpfige Kommission. Von nun an fahren, im dreißigminutentakt(!) Streifenwagen durch Western- Marien- und Königsstraße sowie über den Königsplatz und durch das Paderquellgebiet. Trotzdem kommt es immer wieder zu panikhaften Gefühlsausbrüchen. Die Verbrüderungsszenen sind dabei besonders gefährlich. Sogar drei Hauptwachtmeister (mit sonst guten Zeugnissen) müssen zeitweilig vom Dienst suspendiert werden.

Schnell wird es allen Verantwortlichen klar, daß die Lage nicht wesentlich geändert werden kann, solange man sich nur mit Präventionsmaßnahmen behelfen wird. So kommen die Entscheider im Rat der Stadt nun fast einstimmig überein, ein leerstehendes Haus am Boltonwall (ehemals Friedrichspromenade) als Rehabilitationszentrum einzurichten. Nachdem die Landesarbeitsverwaltung grünes Licht für die Finanzierung zweier Ab-Maßnahmen gibt (staatl. geprüfte Bademeister), kann das Projekt starten.

Von jetzt an werden die Streifen mit einer Fangquote von mindestens zwei pro Wagen auf den Weg geschickt. Flankierend wird ein Notruf eingerichtet, der es Wirten und anderen Geschäftsleuten ermöglichen soll, in akuten Krisensituationen die Kräfte des Einsatzkommandos zu bemühen. Auch Schulungen für besonders ausgewählte Einzelpersonen werden angedacht. Diese Ehrenamtlichen könnten dann das Fachpersonal in Stoßzeiten verstärken.

Innerhalb von etwa zehn Tagen entschärft sich die Situation auf den öffentlichen Gehwegen und Flaniermeilen derart, daß es wieder möglich ist, in Straßencafes zu sitzen und ohne größere Belästigungen Espresso zu trinken. All dies beobachte ich, immer von einer Ecke aus, immer auf der Suche nach Gesichtern ohne Mantelkragen davor.

Am 4. August, etwa um 11 uhr dreißig sehe ich eins und werde verhaftet. Wie ich im nachhinein heraus finde, war ich schon seit langem vom Einsatzkommando observiert worden. Durch meine ständige Anwesenheit habe ich mich verdächtig gemacht. Jede Gegenwehr ist zwecklos. Ich werde ohne Verhör sofort in das Rehabilitationszentrum verbracht. Dort zieht man mich aus, verpaßt mir Bermudashorts und stößt mich in eine Art Wartezelle.

Musik rieselt von der Decke. Ein junger Mann mit verschränkten Armen vor der nackten Brust, ebenfalls in Shorts, geht auf und ab. Ohne Notiz von mir zu nehmen hält er mit einer für mich beängstigend-faszinierenden Singsangstimme einen Monolog:
„- gefühle sind wie wasser in einer fußbodenheizung (heizungsmonteur).
– der mensch besteht zu 70% aus wasser.
– das wesen der ablenkung besteht darin, daß man sie nicht wahr haben will, und man eine schlechte schrift von ihr bekommt.
– musik kann auch schön sein, aber wasser ist naß; kaltes wasser hingegen kann zu erkältungen führen und böse rheumatische verkrampfungen hervorrufen.
– es gibt nichts erfrischenderes als eine kalte dusche nach einer durchzechten nacht!
– herzschlag.
– wasser ist zum waschen da, falleriundfallera.
– lauwarmes wasser schmeckt nach pipi – nicht nach ihm und nicht nach ihr (jugenderinnerungen aus einem kohlenkasten, der sich gewaschen hat).
– ja das liebe wasser. wird es zu warm, verbrennt es einem den großen onkel (badewanne), die zunge (teetasse, hastig getrunken).
– selber schuld du prolet: teetrinker haben nämlich immer zeit, sind gelassen aus berufung, so!
– weißt du noch wo wir sind?! ja? nein? setzen, fünf. beim wasser nämlich.
– also: entweder ist das wasser zu warm (heiß) oder zu kühl (eis) oder zu lau (pipi) oder…
– also ich für meinen teil liebe rauschende gebirgsbäche. – rheuma.
– oder mal son richtig heißes bad! – großer onkel.
– was will der kerl? – weiß er selbst nicht.
– unverschämtheit! worte auf -heit, -keit, -ung schreibt man groß, wenn man vorher weiß, wie man aufhört; (die interpunktion läßt auch zu wünschen übrig, mein lieber)!
– ein sam keit.
– aber, aber eine lustig tapezierte wand kann auch stimulieren.
– und die kultur, die kultur: bilder, bücher, musik (HIFI)…“

Plötzlich verstummt die Musik, die Tür geht auf und zwei atlethische Ab-Maßnahmen kommen, und führen uns wortlos ab. Wir werden in eine art Saal verbracht und zuerst sehe ich ein Quadrat aus Bücherregalen, dazwischen eine Art Wanne, etwa ein Meter achtzig tief. Luftblasen steigen auf. Dazu spielt wieder Musik. Entweder alter Jazz oder auch Barockmusik in der ganz neuen Interpretation, neuerdings auch schon mal Oldies (but Goldies), wie mir der nettere der Ab-Maßnahmen anbiedernd versichert.

„Dieseganzaltenscheiben habe ich ja schon damals … aber jetzt kann man sie ja wieder spielen, eigentlich habe ich ja schon immer, schon immer … und gerade auch alte Möbel, ja also wissen sie, eigentlich hatte ich ja schon immer alte Möbel, Altemöbel, ich könnte gar nicht anders … finden sie nicht auch diese schreckliche Vermarktung heutzutage, also ich für mein Teil: nur das Echte! das Wahre! Ja man wird doch wohl noch unterscheiden dürfen Herrgottnochmal! wie?-“

Die Luftblasen werden immer weniger, plötzlich ein Ausbruch, eine Explosion, das Wasser wölbt sich nach oben, ein Pilz, das Wasser platzt. Es prustet, hustet, japst, atmet krächzend, unendlich tief und taucht unter. Das Wasser schwabbt über. Bücher werden naß, saugen sich voll, die Regale nehmen nicht auf, es perlt ab vom polierten Holz (teilweise auch Schleiflack). Nur die Bücher, die Bücher herrgottnochmal, die Bücher, ist denn keiner da, der die Bücher ins Trockene stellt? Ein Buch wenigstens.

Die Ab-Maßnahme hält mich fest. Zu allem spielt Musik. Nicht aufdringlich, doch unüberhörbar. Ich fühle mich wie in der Frischfleischabteilung im Supermarkt. Dann werde ich in ein kleineres Bassin geworfen und sofort – ich bin ein schlechter Schwimmer – beginne ich zappelnd mich über Wasser zu halten. Auch hier Regale, Musik, Luftblasen; vereinzelt Köpfe, Worte, Sätze. Plötzlich ist einer neben mir: … glucks – weg ist er.

Manche schaffen es gleichzeitig zu tauchen und aufzutauchen. Andere verpassen sich immer, wieder andere treffen sich jedes 5., 7. oder 83. mal. Andere sind dauernd unter Wasser – mit gequollenen Augen suchen sie den Boden nach Schlupflöchern ab. Noch andere halten sich so lange über Wasser, bis sie einen Krampf bekommen und absaufen. wieder andere üben hoch zu springen, wie Delphine in Erwartung eines Herings. Sie versuchen ein anderes Bassin zu erreichen oder ans trockene zu kommen. Sie werden aber jedes Mal festgehalten und zurück gestoßen.

„- kopf hoch junger mann, sie müssen das alles nicht so, nicht so vordergründig sehen.
– als ich in ihrem alter war, also ich, ich an ihrer stelle, also wenn ich sie wäre…
– über haupt: NÖRGELN KANN JEDER!
– wie stellen sie sich das überhaupt vor? da wird für alles gesorgt, vorbildlich gesorgt.
– ja, ich möchte sagen mustergültig gesorgt. das ganze wasser, die bücher, die musik.
– strom, mein lieber, wissen sie eigentlich was der strom heutzutage kostet?
– bei der energieverknappung? alles da, und auch noch geheizt!
– also ich wäre ganz zufrieden, wenn ich an I H R E R stelle wäre.
– allerdings braucht man sich nicht zu wundern, daß man sich verbrüht, wenn man das wasser soo heiß macht.
– braucht man sich nicht zu wundern, daß man sich verkältet, wenn man das wasser soo kühl werden läßt.
– braucht man sich nicht zu wundern, wenn es zu langweilig wird, läßt man das wasser soo lau…
– s i e müssen eben wissen, wie sie das wasser haben wollen. ich habe sie gewarnt!
– wie? sie wissen es nicht? was ich immer sage: diese schreckliche orientierungslosigkeit heutzutage.
– glucks.“

„- also mein lieber, das haben sie ja sehr treffend formuliert. Diesem alten Sack haben sie aber ordentlich eingeheizt. Der mit seiner reaktionären Gesinnung. Man sollte hier wirklich einmal die gesamtges glucks gesamtgesellschaftlichen Rahmenbedingungen glucks…“

Manche springen so weit und hartnäckig, dass sie auf dem Rand liegen bleiben, bis sie ausgetrocknet sind. Die konnten nicht rechtzeitig zurückgestoßen werden. Andere springen auf den Rand, rutschen ab und vergessen richtig einzuatmen. Ein häufig auftretender Fall. Viele ertrinken. Einige kommen wieder hoch, husten schrecklich, manche erholen sich, die Wenigsten.

In Notsituationen wächst ein Mensch schon mal über sich hinaus. Ich habe meine Schwimmfähigkeit grob unterschätzt, zumal ich seit einiger Zeit Zigarillos rauche. Aber irgendwie schaffe ich es doch, mich über Wasser zu halten. Ja, ich gewöhne mich sogar an den Zustand so sehr, daß ich in der Lage bin, Neuankömmlinge psychisch aufzubauen. Dieser Umstand verhilft mir letztlich zu meiner Befreiung.

Der zuständige Bademeister wertet mein Verhalten als hervorragendes Beispiel einer Heilung – Wandlung, so wird mir gesagt. Nach einem Monat werde ich also aus dem Wasser geholt. Dann muß ich eidesstattlich (!) erklären, so etwas nie wieder zu tun. Außerdem werde ich verpflichtet, sechs Monate in einer sonders dafür eingerichteten Zelle den Neuaufnahmen jeweils vier Stunden täglich, ohne Penetranz aber eindringlich, also überzeugend zu zureden. Ich erkläre mich einverstanden und bitte aufs Klo gehen zu dürfen. Das Toilettenfenster ist wohl aus Unachtsamkeit nicht verschlossen. Seitdem bin ich auf der Flucht.

Nachtrag: Die ganze Welt paßt auf den Fingernagelrand meines rechten Daumens. Immer gerade dann, wenn ich glaube dies begriffen zu haben, steht neben mir so ein Bademeister mit zwei, drei Helfern. Mit Wurzelbürsten bewaffnet lächeln sie. ©willi (1987/2013)

Mein Vater wurde einundachtzig. Er ist also im Herbst 2011 gestorben. Es war in der Nacht von 3. zum 4. Oktober als er mit dem Notarzt in die Klinik gefahren wurde. Von da an lag er halbseitig gelähmt für mehr als neun Jahre im Bett und starrte mehr oder weniger an die Decke. Das konnte ihm nicht recht sein. Niemandem war so richtig klar, was er noch erkennen konnte. Der Fernseher lief nun ohne Unterbrechung. Er war noch nicht fertig mit dieser Welt. Und immer rieselte dieser Fernseher.

Er wurde wunderlich, oft war er griesgrämig, selten zu Scherzen aufgelegt schien er sich zunehmend mit sich selbst zu beschäftigten. Mit Geschichten von damals und mit seiner Verdauung. Wenn ich zu ihm kam, einmal die Woche nahm er mich schon mal mit auf seine Reisen, im Kopf. Häufig war ich öfter bei ihm – unangemeldet, aber das machte ihm kaum Freude. Wenn ich jedoch an dem Tag, an dem ich frei zu haben hatte, zu ihm kam, dann war er schon den ganzen Morgen damit beschäftigt, mich zu erwarten.

Das war die erste Lektion, die ich von dem alten Mann empfangen durfte. Es sollten noch viele folgen. Wir hatten plötzlich Zeit. Viel Zeit. Die verbrachten wir mit einander. Ich lernte ihm die Haare zu schneiden und war sein Chauffeur. Er bestimmte die Richtung. Die Pfleger taten ihres. „Jeder Tag mehr, ist ein Tag weniger.“ Dieser Satz stammt nicht von ihm, den habe ich von meinem Lieblingsdichter. Er könnte von ihm sein. Wenn ich es recht überlege, der war ein echter Niederrheiner. Der konnte alles erklären, wusste aber nichts, verstand doch so viel und war manchmal einfach nur sprachlos. Ein Mensch, der nur aus Gefühl bestand mit dem Quäntchen Bauernschläue und dem Willen sein Ziel – welches das auch sei – zu erreichen, das war er.

Mein Vater war es auch, der mir in Verkleidung eines Freundes daher kam. Diesen Mummenschanz tat er als Vater, freundlich zwar, aber als Vater. So hat er mich erreicht und das war die letzte Lektion, die er mir erteilte: Respekt der sich aus Liebe speist.

Die oben erzählte Geschichte stammt gar nicht aus der Zeit seiner Krankheit. Ich habe sie 1987 geschrieben und war ziemlich stolz auf mich. Sie ist nichts im Vergleich zu seinem Mut und dem Willen zu leben. Als ich Trost brauchte habe ich die Geschichte von Bakker gelesen. Und nicht verstanden. Da lag mein Vater schon vier Jahre immer auf einer Stelle… und es dauerte nochmal fünf Jahre bis er loslassen konnte. Ich glaube fest, er hat es mit Bedacht getan. Jetzt ist mir der Bakker wieder ins Auge gefallen. Ich kann ihn noch nicht lesen.

Aber die Krähen, sie begleiten mich. Und es ist mir, als ob sie lächeln.

Gerbrand Bakker: Oben ist es still. Roman. Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke. Suhrkamp TB. 2010.
ISBN 978 3 518 46142 6
* Ebendort: Umschlag, hinten.

Nederlandstalig! Gerbrand Bakker – Oben ist es still

On the Road (again)

„Nachts ist es immer kälter als draußen.“*

‚So ein unsinn!‘ dachte er. Immer öfter fühlte er sich belästigt von dem Satz. Der kam von irgendwo her, grätschte gleichsam in seine Vorstellung und er vermutete schon lange, da war was nicht in Ordnung und Karla hatte damit nun rein gar nichts zu tun. Sollte er so einen Zirkus veranstalten, so ein Fass aufmachen? Gewiss, die Nächte waren immer ein paar Grad kälter, zumal in dieser Jahreszeit. Irgendwann musste er der Sache doch auf den Grund gehen. Worauf also noch warten, warum nicht jetzt?

Zufrieden mit seiner Entscheidung setze sich der Prager auf sein Moped. Er fuhr vom Bahnhof in die Nacht…

* (trad.)

ZU: abc.etüden / Schreibprojekt Kürzestgeschichten / KW 6.17 / Prag. Moped. Zirkus

Eintänzer, privat

Herbst – so gesehen

Gemein ist der Herbst.
Gestern war sie noch golden.

Heute hat die Birke eine Glatze.
Überraschung!

Das Unausweichliche verlangt Kontinuität.
Wachstum wird erwartet.

Ist der Höhepunkt erreicht,
kommt Gravitation ins Spiel.

Das wird dann als ungerecht empfunden.
Pracht gaukelt nur Unendlichkeit vor.

Der Plan ist eiskalt:
Gestern noch golden in der Sonne.

Heute hat die Birke eine Glatze.
Wie gewöhnlich, so ein Herbst.