Es ist morgens sehr früh

Irgendwie bin ich beim Stöbern auf die Seiten http://rahelmueller.com gestoßen. Dort gibt es vieles zu sehen, das ich bemerkenswert finde. Besonders hat mich der Text Es ist morgens sehr früh beeindruckt.
Rahel Müller war so nett, mir zu gestatten, diesen Text hier noch einmal abzudrucken. Die Rechte an dem Text liegen bei Rahel Müller. Viel Spaß beim Lesen:

Es ist morgens sehr früh, und schwankende Nebelkissen steigen über den Grund der Dinge, die sich leicht zurückgezogen wie weit Entferntes behaupten. Der leicht und florend Nebel bodennah schwebend ist so schön, wie dein Gesicht, wie Nebel nur und einzig am Morgen früh mit dem Gesang der erwachenden Vögel zusammen sein kann.
Traumland als Pfand in der Hand.
Ein Berühren wie wenn man die seltene Gelegenheit hat, dem Springen von Fischen in kaltlächelnd See zuzuschaun, wo die Stille nicht zerrissen, sondern gesteigert wird und die Sehnsucht schon fast wieder ein Atemanhalten ist. Kühlt dem Fieber eines flüchtigen Erkanntseins die mutige Stirn. Das Zerbrechen des Begehrens in Lautlosigkeit. Zerfällt alles Überfliessend rein. Etwas in mir drinnen will diesen Raum ertasten, der unbekannt sogar in der Erinnerung steht. Und kann das Nachdenken nicht greifen und kann es nicht sehen und weiss so sehr, dass es dennoch da ist. Sieht nach aussen so unberührt und so scheinbar menschenpuppengleich und brodelt sich einen unbekannten Weg durch Weisen und Randschaften. Muss diesen anderen Raum finden und dich darin. Blass und bloss. Ohne es zu wollen und ohne es verhindern zu können, streifen meine Gedanken dich, dieses du, das ich zwar zu benennen, aber nicht mit Gelebtbild zu empfinden weiss. Kehre zurück und zurück. Umschleiche gekräuselt Spiegel deiner Oberfläche wie ein Tier, das sanfte Schönheit schnuppert. Sehe dich als eine Landschaft, die in der Erinnerung sich ausstülpt, die ein schreiend Verraten ist, Verrat deiner Innerlichkeit an meine Innigkeit, deiner Geduld an mein Warten.
Noch ungelebt und schon tief in Träumen. Ein Erschrecken lautlost mich, ein Erschrecken vor dem Erkanntsein und davor, noch mehr davon zu wollen, ohne jede Rücksicht auf alles mehr zu wollen. Das Wollen nicht zugeben. Gleichzeitig das Erschrecken und eine kalte, wahnsinnige Angst, es nicht erleben zu dürfen, keine Zeit zu finden, den Raum zu teilen. Nach dem winzig Zwischenraum die Vorbereitung, das Mittendrin des langsamen Begehrens erlangen wolle. Gemeinsam schweigen, bis alles Erlöschte erglüht und Lava in Wasser sich biegt und windet; krustet und aufbricht und sich wie ein Siegel erbricht.
So etwas hält man nur ganz morgens früh aus, und würde man mit einem Geliebten im Bett liegen, so wäre es dieser herzflehende Moment, wo man das schlafende Gesicht so schmerzlich tief und so unendlich liebevoll anschaute, wie es nur jemand tut, der sich sekundenschnell ohnmächtig an den Tod erinnert und auf einzig mögliche Art versucht, des Geliebten als Bild der Welt und des Glückes habhaft zu werden, jede Regung, jeden Atemzug, jedes Verharren des schlafenden Gesichtes als ein Berühren, das gebannt werden muss, zu vergegenwärtigen, sodass es die Zeit einen Moment lang, einen ach so kurzen Moment lang und zum Zerreissen gespannt, nicht mehr gäbe, dass sie vereint enthoben wäre. Geeinigt auf die Spur verschlungener Bewegung. Sich festsaugen am Blick einer schlafenden Unschuld und eines weichen warmen, vertrauensvoll gelegten Körpers. Weit von sich weisen aufplatzende Gedanken an Tod und Sterben und Verlassensein, das nur noch von der Erinnerung zehren muss. So liebevoll aus den Augen eine Träne rollt, jenseits von Sichtbarkeit. Es ist ein so grosser Schmerz, dass nur die Atemzüge eines schlafenden Menschen einen besänftigen und ein klein wenig trösten können.
Die Vögel scheinen nichts davon zu wissen, der Nebel gewandet die Landschaft als einen Raum, den man schlafend vergisst.
Unteilbar die Dichte eines Morgens, keine Farbe dieses Licht noch. Einzig Geräusche verbünden sich langsam, so langsam, zu einem Klang, der aufschwellend erwachen will.
Himmelfahl widerspiegelt ein See. Glanz eine Verheissung, deine Hand ein Ruhen an der Linie des Horizontes ganz und gar.
Warum hat Liebe so viel mit den Alltäglichkeiten zu tun und verlangt doch immer wieder so erheischend und aufbegehrend nach Aussergewöhnlichem?
Im Verweben der Geräusche ist der Tagesanfang ein kluges Kind: mit Eifer spannt es seine Netzchen, flicht seine Ausfälle, ordnet Werdendes und Wesendes um sich, und schart Beginne wie Blumen Umsicht in seinem Garten.
Es ist der Moment, wo es zu spät für Schreie ist, wo selbst glasig Geronnenes und Nochnichtgeflossenes wieder zum Schweigen sich sammeln, um der Kraft eines neuen, unwiederbringlich neuen immergleichen Aufbegehren des Lebens Platz zu machen. An ihre Stelle treten alle Gegebenheiten als ein neues. Alles wird sich zu ereignen wissen. Alles wird aus sich selbst heraus auf anderes verweisen. Im Verweis die Bezüglichkeiten zueinander begleiten. Manches wird sich im Raum dahinter klug zu verbergen wissen, vieles wird als Staub nur die Dinge bedecken. Kann Tiefe nur als Haut beschreiben, die einlassend ahnt, was zu vergeben wäre.
Deine Haut ein mir schluchzendes Berühren. Wie man manchmal weint aus zu grosser Aufspannung zwischen Raum und Traum.
Das Denken ist die einzige Möglichkeit, sich selber gleichzeitig zu entsagen und dabei Raum zu gewinnen. Und so wandern meine Gedanken morgenschwer in dein Schweben hinein. Und sehe dich ein Gesicht im Schlaf lächeln, das ich nie sah, oder immer anders frühmorgens trunken liebte. Und wie die Geräusche in der Stille dazwischen noch aufgehoben sind, so ist ein winzig Teil meines Erkanntwerdens in dir aufgehoben. Getragen durch das Dunkel einer Nacht, die sich in sich selber verbrachte, bewahrt bis das Licht im Zenit verglüht.
Augensternbegehren.
Eine Handwarm in den Nacken gelegt, aus deinem Mund getrunken, durstig und gestillt dann getrunken, den Garten betaut, dein Kuss samtig und besonders, der Flaum deines Lächelns weich und sanft und sondergleichen aufsteigend in mir. Farbe in deine Erinnerung gemalt, den Zotteln der Schwerfälligkeit einen Schubs gegeben, dass sie fransend sich erlösen in eine schwirrend Leichtigkeit, die ich dein Silber nennen werde. Und in dein Silber klingt und dringt.
Leicht ist nichts, aber leichtert sich doch, sogar angesichts der Unfassbarkeit aller seufzenden Unaussprechlichkeiten.
Die Bilder gerufen und darin nicht enden wollen: nie.
Und so wie Wasser alle Unebenheiten glättet so gründet meine Erde in dein verborgen Schwanken. In der Zone, wo man Vermischung vermutet, hört eines nicht auf, fängt das andere nicht an und birgt den Raum, den wir leise erfühlt und erfüllt. Und so erweisen sich beide ein Gegenüber. Im Verwechseln betraut, und im Vertrauen erschaut.
Hätte leichtere Sätze dem Schweren vorgezogen. Doch selbst im Tanz bist du tief und selbst im Übermut bist du nachdenklich. So selbst wie du bist so bist du jeder Kühnheit dich sträubend, und wir wissen es beide: tief einlassend sinken können wir, und wollen uns eingraben in Grund und Urgrund und wissen dabei alles. Die Quelle ist ein Anfang, der zuende gehen wird. Zuende werden wir überquellen. So also sprudeln, dass mein Silber mein durch alles durch mich gewichtet?
Nebelschleier Morgen. Tropfenlied verdichtet. Himmelszelt gereist. Ein Atemzug erschüttert Wortweberaum zu Lichterhaut. Halten einander aus einer Nähe, die sich weitet in unser Aug hinein. So kann ich endlich einsinken in deinen Mund und weichfelsig wirst du mich einen Moment bergen. Gemeinsam in allem was ist uns wiederfinden gebirgt und geborgen, zuckend und pulsierend so wie: unsere Zeit.
© rahel müller, 2003. http://www.rahelmueller.com
23.09.2012

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