Archiv der Kategorie: willi

„Sachma, hasdusienochalle?“

War: Traumstunde für den Siebenschläfer
1. Mai 2017

„Sachma, hasdusienochalle?“

– „Wie bitte?“ Für mich sah ernst etwas belustigt aus.

„Nee, wirklich. Du has sie wirklich nich mehr alle“, wurde willi wütend. Doch er schien abzuprallen. „Typisch“, dachte er wohl.

– „Du meinst, ob ich sie nicht alle beisammen hätte?“ So sagte es ernst mit leicht herablassendem Unterton zu willi, und frug: „In welchem Zusammenhang war nochmal die Frage?“ Dabei lächelte ernst gewinnend – wie er meinte.

„Na dat, wat du dem J.W.G. ernsthaft unterstellst, er würde in Hochsprache reden. Auff’em Sterbebett. Und son zeuch. Wat’n Quatsch!“

(Ich wollte noch sagen, das der ernst immerhin den J.W. hat lächeln lassen. Kam aber nicht dazwischen.)

– „Warst du etwa dabei?“ echauffierte sich ernst jetzt. Es kam wie aus der Pistole geschossen. Entweder er hatte die Lage nicht begriffen, oder er legte es darauf an.

(Ich versuchte nochmals zu vermitteln, aber auch das gelang mir wieder nicht.)

„Papperlerlapapp“, sagte willi wie aufs Stichwort. „Sowat macht man einfach nich. So’n Altenmann hochnehmen. Auch wenn dat schon lange her is, sowat gehört sich nich.“

– „Das war doch nur als Beispiel gedacht“, versuchte ernst die Situation noch zu retten. Aber willi war da schon gegangen und ernst machte sich auch davon. (Nicht ganz Zufrieden, wie mir schien.)

Und ich? Musste dringend nachdenken. Über Zukünftiges. Das Unbekannte und Chancen. Beziehungsweise, wie man mit all dem umgeht.

Zukünftiges kann man ja nur vermuten. Darin sind manche ja besonders gut. Andere weniger. Wissen sieht anders aus, auch wenn es uns oft so verkauft wird.

Das Unbekannte kenne ich nicht. Das Wesen des Unbekannten ist ja, dass es nicht bekannt ist. Klingt logisch. Andernfalls wäre es doch bekannt, oder?

Verpasste Chancen liegen mehrheitlich in der Vergangenheit. Erwartete Chancen sind in aller Regel in der Zukunft zu suchen. Beides sollte uns nicht wirklich jucken. Tut es aber in den meisten Fällen.

Besonders die verpassten Chancen liegen dann schwer in der Magengegend. Wäre es da nicht besser, wenn wir uns auf das jetzt Machbare konzentrierten?

Ich blieb übrig. In Gedanken.

„Aus. Sense. Schluß.“ Und an anderer Stelle: „Feierabend.“ *

* Diese Worte habe ich mal bei Janosch gelesen. Es war in der Traumstunde für Siebenschläfer. Sie beschreiben den Zustand ganz gut. (Einen Clip dazu habe ich hier gefunden.)

Das Buch lese ich wieder vor, jetzt den Enkeln:
Janosch: Traumstunde für Siebenschläfer. Beltz Verlag, Weinheim und Basel 1977. Hier: 4. Auflage 1980. ISBN 3 407 80527 6

Danke!

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Ey, Musik

So oder so, gute Medizin.

willi beginnt wieder. Und zwar mit Carly Simon. Seinem Lieblingsmenschen würde das gefallen. willi sowieso. Schön.

Der mick kommt wieder mit zwei Liedern daher: Carole King singt It’s Too Late und Alin Coen.(Und Ina Müller legt sich ziemlich ins Zeug!)

ernst ist manchesmal wunderlich. Er hat dieses Mal The Hot Sardines als Vorschlag: Bei Mir Bist Du Schoen.

Laßt es Euch gut gehen!

* Ob die nur spielen wollten oder dezidiert eine Geschichte zu erzählen hatten, Klekih-petra hätte das sicherlich als Gute Medizin bezeichnet. Frei nach Karl May, Winnetou I.

Tom Patty, Zimmermänner und andere Leute

In jedem Fall hilft es.

willi beginnt dieses Mal wieder. Und zwar mit End Of The Line. Schön.

Der mick hat zwei Lieder als Vorschlag: Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen – Kennst du Werner Enke?. Und ausserdem schlägt er noch Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen – It’s OK to love DLDGG vor, weil das eben auch so schön klar, eindringlich, und voll von Lebensfreude ist.

Kaum verwunderlich ist ernst. Er hat dieses Mal die Zimmermänner als Vorschlag: Die große Sporadische (official).

Laßt es Euch gut gehen!

* Ob die nur spielen wollten oder dezidiert eine Geschichte zu erzählen hatten, Klekih-petra hätte das sicherlich als Gute Medizin bezeichnet. Frei nach Karl May, Winnetou I.
Heute ist Tom Patty gestorben. R.I.P.

I never need to get old

Ich kenne so’n Dier.

Eine etwas rheinisch angehauchte Dame würde jetzt sagen: Man kann sich auch verkünzeln. Dabei würde sie leicht, fast unmerklich den Kopf schütteln.

Wer weiß das schon so genau.

mick bezeichnete so jemanden gern als Perfektionisten. Quasi als ein penibler ‚Durchschnittsmensch‘ *.

Immer weiter, immer weiter/ jeder guckt durch Fenster, und hält sich für gescheiter/ … singt da der Dichter in meinem Ohr. Ganz leise singt er so etwas (und doch so eindringlich).

ernst sieht einen, der genau das heraufbeschwört, was er niemals wollte. Beharrlich, stur, konsequent.

Darauf erläutert der willi: Ich kenne so’n Dier!

* Mir fällt gerade auf: dieser Ausdruck kommt bei Hanns Dieter Hüsch ständig vor. (Mehr oder weniger offen tritt das zu tage.) Offensichtlich hat er seine Philosophie danach gebaut. Der Niederrhein ist überall. Und Menschen sind so. Alles geht so seinen Gang.

Oben ist es still 3

Am meisten erinnere ich mich an die Krähen dieser Geschichte.

Komisch, was man so alles mit sich herumträgt. Mein Vater war gestorben. Und ich las von diesem holländischen Bauern: Helmer van Wonderen räumt auf. Er verfrachtet seinen Vater ins Obergeschoß des elterlichen Bauernhauses und richtet sein Leben neu ein. Doch die ländliche Ruhe währt nicht lang, … *

Mein Vater wurde einundachtzig. Er ist also im Herbst 2011 gestorben. Es war in der Nacht von 3. zum 4. Oktober als er mit dem Notarzt in die Klinik gefahren wurde. Von da an lag er halbseitig gelähmt für mehr als neun Jahre im Bett und starrte mehr oder weniger an die Decke. Das konnte ihm nicht recht sein. Niemandem war so richtig klar, was er noch erkennen konnte. Der Fernseher lief nun ohne Unterbrechung. Er war noch nicht fertig mit dieser Welt. Und immer rieselte dieser Fernseher.

Er wurde wunderlich, oft war er griesgrämig, selten zu Scherzen aufgelegt schien er sich zunehmend mit sich selbst zu beschäftigten. Mit Geschichten von damals und mit seiner Verdauung. Wenn ich zu ihm kam, einmal die Woche nahm er mich schon mal mit auf seine Reisen, im Kopf. Häufig war ich öfter bei ihm – unangemeldet, aber das machte ihm kaum Freude. Wenn ich jedoch an dem Tag, an dem ich frei zu haben hatte, zu ihm kam, dann war er schon den ganzen Morgen damit beschäftigt, mich zu erwarten.

Das war die erste Lektion, die ich von dem alten Mann empfangen durfte. Es sollten noch viele folgen. Wir hatten plötzlich Zeit. Viel Zeit. Die verbrachten wir mit einander. Ich lernte ihm die Haare zu schneiden und war sein Chauffeur. Er bestimmte die Richtung. Die Pfleger taten ihres. „Jeder Tag mehr, ist ein Tag weniger.“ Dieser Satz stammt nicht von ihm, den habe ich von meinem Lieblingsdichter. Er könnte von ihm sein. Wenn ich es recht überlege, der war ein echter Niederrheiner. Der konnte alles erklären, wusste aber nichts, verstand doch so viel und war manchmal einfach nur sprachlos. Ein Mensch, der nur aus Gefühl bestand mit dem Quäntchen Bauernschläue und dem Willen sein Ziel – welches das auch sei – zu erreichen, das war er.

Mein Vater war es auch, der mir in Verkleidung eines Freundes daher kam. Diesen Mummenschanz tat er als Vater, freundlich zwar, aber als Vater. So hat er mich erreicht und das war die letzte Lektion, die er mir erteilte: Respekt der sich aus Liebe speist.

Als ich Trost brauchte habe ich die Geschichte von Bakker gelesen. Und nicht verstanden. Da lag mein Vater schon vier Jahre immer auf einer Stelle… und es dauerte nochmal fünf Jahre bis er loslassen konnte. Ich glaube fest, er hat es mit Bedacht getan. Jetzt ist mir der Bakker wieder ins Auge gefallen. Ich kann ihn noch nicht lesen. Aber ich habe es versprochen.

Aber die Krähen, sie begleiten mich. Und es ist mir, als ob sie lächeln.

Gerbrand Bakker: Oben ist es still. Roman. Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke. Suhrkamp TB. 2010.
ISBN 978 3 518 46142 6
* Ebendort: Umschlag, hinten.

Nachtrag: Die ganze Welt paßt auf den Fingernagelrand meines rechten Daumens. Immer gerade dann, wenn ich glaube dies begriffen zu haben, steht neben mir so ein Bademeister mit zwei, drei Helfern. Mit Wurzelbürsten bewaffnet lächeln sie…

Wirklich gute Besprechungen findet man über diesen Weg: Nederlandstalig! Gerbrand Bakker – Oben ist es still

Zimmermänner und andere Gentlemen (war: Sir P. McCartney zum 75sten)

Sir P. McCartney zum 75sten* In jedem Fall hilft es. Ich schließe mich den guten Wünschen natürlich an. Aber es soll aus diesem Anlass keine Beatles-songs geben.

Was anderes soll es sein:
willi beginnt dieses Mal wieder. Und zwar mit dem Hanse Song Festival 2017. Schön.

Der mick, auch nicht faul, hat dieses Mal wieder zwei Lieder als Vorschlag: Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen – Kennst du Werner Enke?. Und ausserdem schlägt er noch Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen – It’s OK to love DLDGG vor, weil das eben auch so schön klar, eindringlich, und voll von Lebensfreude ist.

Kaum verwunderlich ist ernst. Er hat dieses Mal die Zimmermänner als Vorschlag: Die große Sporadische (official).

Laßt es Euch gut gehen!

* Ob die nur spielen wollten oder dezidiert eine Geschichte zu erzählen hatten, Klekih-petra hätte das sicherlich als Gute Medizin bezeichnet. Frei nach Karl May, Winnetou I. Der Haussender hat gesten an den 75. Geburtstag eines wirklich großen Musikers erinnert.

Sir P. McCartney zum 75sten*

In jedem Fall hilft es.
Ich schließe mich den guten Wünschen natürlich an.
Aber es soll aus diesem Anlass keine Beatles geben.

willi beginnt dies Mal wieder. Und zwar mit dem Hanse Song Festival 2017.
Schön.

Der mick, auch nicht faul, hat dieses Mal wieder zwei Lieder als Vorschlag: Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen – Kennst du Werner Enke?. Und ausserdem schlägt er noch Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen – It’s OK to love DLDGG vor, weil das eben auch so schön klar, eindringlich, und voll von Lebensfreude ist.

Nicht verwunderlich ist ernst. Er hat dies Mal die Zimmermänner als Vorschlag: Die große Sporadische (official).

Laßt es Euch gut gehen!

* Ob die nur spielen wollten oder dezidiert eine Geschichte zu erzählen hatten, Klekih-petra hätte das sicherlich als Gute Medizin bezeichnet. Frei nach Karl May, Winnetou I. Der Haussender hat heute an den 75. Geburtstag eines wirklich großen Musikers erinnert.

Zum Tag des Deutschen Brotes

Heute Morgen machte mich mein Haussender auf den Tag des Deutschen Brotes aufmerksam, der gestern wohl gefeiert wurde. Es war doch nur als launige Überleitung zum Wetter gedacht. Man ist ja besonders morgens in Eile.

Egal jetzt hat sich das verselbstständigt. Darum kommt jetzt ein Schwank aus der Jugend.

tod des bäckers (überschrift)

bäckersfrau und bäckerbube
stehen in der bäckerstube
des nachts, bei licht
– es ist halb vier
der bäcker bäckt nicht
und trinkt bier
seit stunden schon
in seinem zimmer
und lächelt hohn
beim kerzenschimmer
weil bäckersfrau und bäckerbube
backen in der bäckerstube.

so geht es schon drei tage lang
und manchmal hört man auch gesang
aus bäckermeisters feierzimmer
wo er so sitzt bei kerzenschimmer.

die bäckersfrau hat viel verdruß
weil sie doch immer backen muß.
jetzt ist es zeit für eine wende
denkt bäckers frau und geht behände
bewaffnet in die feierstube
allein, jetzt bäckt der bäckerbube
mit freude einen schokokuß
doch in die stille kracht der schuß
gefeuert von der bäckersfrau
auf ihren mann, die faule sau.
der schokokuß des bäckerbuben
ist bei dem Schuß dann noch zerstoben.
..
willi 1987

Unklar bleibt, wie die Geschichte ausgegangen ist. Es ist zu vermuten, für die Restfamilie nicht so besonders.  Und für den willi?

Nachsatz:
Ursprünglich hatte willi nicht ‚Schokokuß‘ verwendet. Wir alle wissen, ist das Wort N****kuß heute nicht mehr politisch korrekt. Ich glaube fest, dass seit diesem – nennen wir es mal – Vorfall die Sitte in Backstuben aufkam, frische(!) Brötchen zu zerteilen, um zwischen die beiden Hälften ein mit Schokolade überzogenes Etwas aus Eiweißschaum, auf einem Waffelboden (der stark an Esspapier gemahnt), zu quetschen. So gesehen war das Ableben dieses Bäckers gleichsam der Tod dieses schrecklichen N-Wortes und die Geburtsstunde einer lukullischen Spezialität. Das Bäckergedächtnisbrötchen war also geboren. Ein Genuss für breite Teile der Schülerschaft. willi scheint das vollkommen zu ignorieren. Sowas!

mick 2013

Und im Herbste ja, dann sterbs’de – 16.September 2014 (aus Gründen)

War mal: Das Usambaraveilchen, mein Freund und ich – höchst subjektiv, wie alles hier.

Get back*, vielleicht. Das trifft es im Moment.

Mein Freund ist tot. Er hat es nun geschafft. Das war anstrengend. Für Ihn mehr als für mich. Schlußendlich mußten wir beide verlieren. Er mehr als ich. Dabei wollte ich noch über Udo Lindenberg erzählen, als er noch englischen Rock sang. Frumpie nicht zu vergessen und Inga Humpe. Über unsere gemeinsame Zeit in der Ausbildung. Damals hörten wir Bap und den jungen Grönemeier, Georg Danzer. Alles obsolet, jetzt.

Normalerweise schreibe ich solche Texte selbst. Aber in diesem Fall habe ich für den Anfang die Erzählung von Wolfgang Neuss über seinen Freund Wolfgang Müller abgewandelt. Zu groß ist der Schmerz über das, was da vor mir lag – immer noch. Der Text passt so gut auf uns. (F) wird es mir bestimmt nachsehen:

„Ich lache oft und gern über ihn, allerdings besonders liebevoll, wenn er keinen besonderen Wert darauf legt. Denn wenn jemand Wert auf was legt, dann muß man ihn schon hündisch lieben, tut man ihm den Gefallen. Es sei denn, er legt etwas auf mich, meinetwegen Wert oder sonstwas Anständiges. Aber (F) pumpt mir leider immer nur Geld, mehr nicht.

Ich hatte mir nie und werde mir auch nicht vornehmen, ein Paar zu werden, ich bin mir alleine doppelt genug. Aber ich werde ihn, (F), der mich zu kennen glaubt, und der nie auch nur in die Nähe meiner Gedankenwelt und Vorstellungskraft kommt, solange ich lebe, respektieren und, so oft es sich ergibt, seine Nähe suchen.

Er bringt mich auf tausenderlei Ideen. Natürlich könnte ich mich auch an einer Schuhsohle oder an einer rauhen Wand entzünden, um mal das Streichholzverfahren vergleichsweise für uns heranzuziehen. Aber in dieser hochzivilisierten Welt ist mir eine Reibefläche (F) lieber.

Er ist eine irrsinnige Potenz auf dem Gebiet der Ichsucht, und es muß schon ein großes Glück für ihn sein, erkennt er meine Leistungen oder zum Beispiel diese Zeilen an. Und wenn wir eines Tages den Gipfel des Egoismusses gemeinsam gegeneinander erklommen haben, werden wir uns wahrscheinlich vierhändig abseilen.

Bis dahin ist ein Weg zurückzulegen, der mit dem, was wir alleine gelaufen sind, überhaupt nicht vergleichbar ist. …. (F) …ist in keinem Fall ein Satellit, sondern eine Rakete, die ich in meiner Welt nicht missen möchte.
Als …
(F krank wurde) – zuerst habe ich mich einfach geweigert, das zu glauben … „ (S.121 u. S.124, Volker Kühn, Das Wolfgang Neuss Buch.)

Er hatte sich wohl auch geweigert: Als ich einmal zum Abschluss einer meiner üblichen Besuche aufbrach, schaute er mich besorgt an und machte mich auf meinen losen Schnürsenkel aufmerksam. Ihm fiel das Sprechen schon schwer aber der hatte tatsächlich Angst, das ich stolpere.

Früher:
Mit seiner Puch Maxi kam er am Wochenende in unser Dorf geknattert. Es musste ewig gedauert haben auf einem Mofa vom Sintfeld in den Teutoburger Wald zu fahren. Wir hatten uns in der Schule kennengelernt und beschlossen unsere Freundschaft aus zu testen. Beharrlich war der.

Später – Sommer’72 – im Kings and Queens. Das ist ein Pub in Brighton, Südengland. Dort fütterten wir die Musikbox mit unseren Shillingen. Ansonsten genossen wir das englische Bier und unser Leben. American Pie war der Hit. Und wir hörten den, Abend für Abend. Seitdem kann ich das Lied auswendig.

Drei Wochen waren wir da. Eigentlich wollte ich ihn breitschlagen nach Irland zu fahren. Irgendwie wollte ich immer nach Irland. Aber er hat sich durchgesetzt. Wie so oft, wenn wir was getan haben, hat er sich durchgesetzt. Aber er war da, wenn ich ihn brauchte. Als er nach dem Abi zum Bund musste, habe ich ihn dafür Sonntags in den Zug gesetzt, damit er nicht noch fahnenflüchtig wurde. Auch das hat er mir verziehen. Später hat er mir mal die Landschaft und die Kaserne gezeigt.

Ich durfte sein Trauzeuge sein und für seine Kinder habe ich später Bäume gepflanzt. Als Lehrer konnte der Stunden entwickeln, das waren so Selbstläufer. Ich habe sie dann ausprobiert. Reden konnte ich ja. Geschrieben hatte er.

Einmal habe ich eine Arbeit retten müssen. Ein Anruf genügte und er war da. Ich diktierte ihm und kongenial diskutierten wir, ab und an. Aber vor allem tippte er das ein.

Nach diesem Wochenende war die Arbeit fertig und konnte abgegeben werden. Wir hatten zwar kaum Ahnung von der Materie, aber dafür sehr viel Spaß dabei. So war der. Wenn man ihn brauchte war er da. Immer kritisch, packte er doch zu. Das Ziel vor seinen Augen war Unterhaltsamkeit. Für ein Abenteuer hat er so manches getan. Ich hoffe, er hat alles zweifach zurückbekommen.

Ab und zu haben wir Radtouren unternommen oder Jobs zusammen gemacht. Nur wir zwei. Das war das beste. Für Cliquen habe ich mich nie wirklich geeignet. Aber einen Freund, den brauchte ich schon. Sogar mehrere. Aber nicht auf einmal. Vielleicht ging dem das auch so. Wenn wir etwas zusammen getan haben, waren wir jedenfalls perfekt. So war das im Kings and Queens, so war das auf der Uni und so war das beim Retten von Bäumen (das war noch so eine Geschichte).

Wir haben nie viel gesprochen. Nur das Nötigste. Verstehen geht manchmal auch so. Der war immer Genießer, Schweiger und Aushalter. Einmal hat er sechs Wochen gelegen und seine Bandscheibe belastet. Da habe ich ihn einfach besucht. Er wollte sich nicht operieren lassen. Der hat stur gelegen und seinen Wirbel besiegt. Schon damals war ich nicht überzeugt, dass er auf mich wartet. Nicht wenn er krank war. Stur haben manche gesagt.

Er hat sich kaum je von etwas abbringen lassen. Seine L, die gehört auch dazu. Mit der wollte er leben. Punkt. Das war vor vierzig Jahren. Sie leben immer noch lebten bis zum Ende zusammen. Ich habe ihn immer als Stoiker mit epikureischen Einflüssen gesehen. Situationen hat er beobachtet und analysiert. Ändern konnte man selten was. Wenn das so war, dann konnte er die Dinge so nehmen wie sie waren.

Wir sind Freunde, also treu. So konnte ich mich immer blind auf ihn verlassen. Umgekehrt war das auch so. Wer uns auf Partys gesehen hat, konnte das so nicht verstehen. Da haben wir nicht groß miteinander geredet. Nur wenn es drauf ankam, und dann unter vier Augen.

Nun hatte der Freund eine schwere Diagnose und ich konnte nicht zu ihm. Am Telefon hat er mir gesagt, das sei eine Scheißdiagnose und er hält das durch. Im Übrigen soll ich mich mit seiner Frau besprechen. Mehr konnte er nicht sagen.

Frauen und Männerfreundschaften. Die sind so pragmatisch. Er kann nicht sprechen, vielleicht hat er eine Anwendung. Widerwärtig. Was die wohl denken, was wir zu besprechen haben? Ich muss dahin, will einfach da sein. Abwiegeln macht alles noch schlimmer. Der braucht mich doch jetzt – oder ich ihn. Ist das nicht egal?

Gegenwart:
Das mit der Weigerung hatte sich dann doch schnell erledigt. All das dauert noch All das hat jetzt ein Ende… die Hilflosigkeit bleibt. Sitzt fest in der Kleidung. Geht bis auf die Haut. Lauert an jeder Ecke. Und grinst dabei. Lässt sich einfach nicht abschütteln … Ablenkung hat zur Zeit immer noch schlechte Karten. Man findet so etwas nicht gut, vielleicht ist es gesund. Das Leben geht ja weiter, bla.. Ich könnte getrost darauf verzichten.

Die Blaue Blume ist längst entdeckt. Und manche können sie, für einen kurzen – oder längeren – Augenblick sehen. Die Angst, die mich als Junge beschlich, nach dem uns die Worte ausgehen könnten, diese Angst ist unbegründet. Im Zweifelsfall.. ach, Mist! Manchmal sind Worte bitter und notwendig. Oft braucht es auch keine Worte. Auf den Zeitpunkt kommt es eben an. Andererseites ist es aber auch egal.. All you need is Love. Schon schwer.

Wenn wir uns wieder treffen, irgendwo auf einer Wolke, dann haben wir viel zu reden. Wir haben dann alle Zeit der Welt. Möglicherweise wird uns ein Amselmann** besuchen. Und niemand wird uns stören. Wann, das wird sich schon ergeben. Auf jeden Fall wird das dann ein Spass sein.
Versprochen. Bis dann, mach et juut Jung.

Ach ja: das Usambaraveilchen ist überhaupt kein Veilchen. Es heißt nur so. Der Blume ist das vollkommen gleichgültig. Mir jetzt auch.

mick/ernst/willi.

* The Beatles, Get Back. (www.youtube.com/watch?v=96IlCehRnaU)
** Paul McCartney, Black Bird. (www.youtube.com/watch?v=8ehhZ53zysQ)

Papa was a rolling stone

Papa was a rolling stone *

Er ist seit gestern im Krankenhaus; Papa hat Fieber, und ist sehr schlapp. Vermutlich eine Lungenentzündung, kann aber auch mit dem Harnweg zusammenhängen. Gegen Fieber bekommt er was, ansonsten wird noch untersucht. Heute Nachmittag kann ich mehr erfahren.
Das kam sehr plötzlich. Bis Mitte der Woche war er eigentlich wie immer drauf.
29. März 2010

Ich war heute wieder im Krankenhaus:
Dieses Brüder-Krankenhaus ist doof. Man muss da weg. Oder ins Bett. Oder beides. Wenn die junge, nette Schwester kommt, dann geht es. Wo bin ich? Gestern war Erwin da. Der wollte wieder kommen. Wie geht es Mama? Ich bin müde.

Wenn ich ein Chinese wäre, aus der hinter-westlichen Provinz und nur so einen Dialekt spräche, aber den flüssig; wenn ich also solch ein Chinese wäre, könnte es sein, dass ich mich über einen Begriff wie Panoptikum wunderte.
Zehn Minuten im Krankenzimmer, in diesem Krankenhaus, und ich als Chinese wüsste sofort, was die Langnasen mit Panoptikum meinen.

Der Papa ist nur noch Instinkt: Irgendwas war besser als das hier. Und da muss ich hin. Nur nicht hier bleiben. Nur nicht stehen bleiben. Oder die nette Schwester kommt. Dann ist gut.
Da sind fast nur solche. Und ich – ernstzwo – möchte dort auch nicht enden. So schön kann keine Schwester sein.

Der Papa hat heute kein Fieber mehr, nur noch eine Bronchitis. Keine Lungenentzündung. Er ist müde, besonders, weil der blöde Pfleger oder die hässliche Schwester mich in den Rollstuhl gesetzt hat. Der Mensch, der sich als mein Sohn ausgibt, hilft mir nicht hier weg zu kommen. Unglaublich. Wahrscheinlich ist das gar nicht mein Sohn. Möglicherweise bleibt der Papa bis zum Wochenende dort. Keine Ahnung.

Ich glaube, der Papa wird wenigstens 81, wie sein Vater. Vielleicht stirbt er auch nächste Woche. Möglicherweise verrät er mir noch, wie er das mit dem Tiger** hingekriegt hat. Ich weiß es nicht.
So war das.
** vergl. Pi Patet: Schiffbruch mit Tiger
31. März 2010

Heute beginnt der Tag wie ein Kitschgemälde. So ein blauer Himmel. Auf den Dächern und Wiesen haben sich kleine Inseln von Rauhreif gebildet, die die Sonne zunehmend verscheucht. Der Qualm steigt fast senkrecht aus den Kaminen.

Dass mein Vater ungeduldig ist, habe ich vor einiger Zeit mit Erstaunen festgestellt. Wir hatten uns angewöhnt ab und zu eine Fahrt ins Blaue zu unternehmen. Der war noch ziemlich fit, aber fahren lassen wollte ich ihn nicht mehr.

Das war nicht so einfach, weil er ja immer alles geregelt hat, für alle da und so unheimlich stark war. Und optimistisch war der, und Witze hatte der drauf. Manchmal haben wir uns im wahrsten Sinne des Wortes krank gelacht, so weh tat dann der Bauch.

Sich fahren zu lassen ist peinlich für so einen Mann – mindestens aber die Einsicht, dass es notwendig ist. Kochen konnte der immer schon gut. Also machte er die Verpflegung und sagte meistens, wo es lang ging. So rollten wir dahin, Richtung alte Zeiten, und hatten viel Spass.

Einmal kam eine rote Ampel. Ich hielt. Das passte ihm gar nicht. Nicht, dass ich hielt. Es gibt ja schließlich Regeln. Aber warum hat ausgerechnet hier jemand eine Ampel hingestellt. Und dann war die noch rot, so lange! Unglaublich, wo wir doch durch das Land rollen wollten.

Ich habe nicht verstanden, warum der sich so aufgeregt hat.

Heute Morgen stehe ich am Fenster und sehe wie dieser herrliche Tag beginnt.
Es stimmt, dass die Zeit mit zunehmendem Alter schneller vergeht. Und trotzdem werden die Winter immer länger. Die Kälte scheint niemals aufzuhören.
Die Bauern sagen hier: Am 1. Mai ist der April vorbei. Recht haben sie. Ungeduldig sind wir trotzdem.
2. April 2010

Eine gute Geschichte am Tag, die reicht. Statt dessen versuchen sie dich am laufenden Band mit Stories zu zu texten.
4. April 2010

Papa ist wieder in seinem Zimmer, und grummelig wie immer. Wer soll da nicht grummeln, nach acht Jahren. Es geht ihm gut, so weit man das bei seinem Zustand behaupten kann. Als er meine Hose sieht gefällt sie ihm nicht, und ich sehe schlecht aus.

Eigentlich kann er nichts sehen aber so eine blöde Hose hat er noch nie gesehen. So weit geht es ihm also gut und er ist froh, dass ich da bin.

Bei seinem Auszug ins Krankenhaus war sein Bild runter gefallen und ich soll den Rahmen reparieren. Mama hat gesagt, ich kann das. Er hat das Bild lange nicht gesehen. Er konnte sich nicht umdrehen. Es war ihm auch egal.

Ich habe es bei seinem Einzug dahin gehängt. Ein dicker, fetter Clown. So bratzig und so fröhlich. Hinter seiner Clownsmaske konnte man die Glatze von Papa sehen. Und in der Tat, es ist fast vierzig Jahre her, da hat er an einem lauen Sommerabend in Gelsenkirchen-Buer auf einem Flohmarkt diesen Clown entdeckt.

Für fünfzig Mark hat er der Malerin dieses Bild abgekauft. Ich muss etwa sechzehn gewesen sein. Manchmal habe ich ihn begleitet, wenn er bei einem Zwischenmeister etwas auszubügeln hatte. Darin war er so klasse.

Nach dem Kauf sind wir in eine Kneipe und haben den Fang würdig gefeiert und da saßen sie. Neben uns waren zwei Bauarbeiter, die hatten auch Feierabend, und sinnierten über schöne Schüppen: Nee, wirklich! Bei uns kannse anfangen. Wir haben nur schöne Schüppen.. Das wurde so ein running gag für uns, all die Jahre.

An die schönen Farben des Bildes konnte er sich erinnern. An den Betrieb in Gelsenkirchen-Buer und an die schönen Schüppen. Da hat er gelächelt.
Der Rahmen wird repariert. Darauf kannst Du einen lassen.
12. April 2010

Der Rahmen ist repariert. Sonst: nix.
17. April 2010

auf dem dachboden habe ich einen spatz gefunden, der aus dem nest gefallen ist. jetzt ist er gerade eingeschlafen. ich habe ihm ein nest gebaut und er hat sogar etwas gefressen.
armer spatz. hast keine chance. um diese zeit fallen viele vögel aus dem nest und gewöhnlich sterben sie unbemerkt. man nennt das wohl die natürliche auslese. es gibt schon prachtvolle fachausdrücke!

jetzt versucht er sich selbst zu wärmen. oh sülzwilli! ist nicht das erste küken, das du durch bringst. auch nicht das letzte, dass sterben will. geh ins bett, junge! der spatz will auch schlafen.

ich werde etwas darstellen müssen. davor fürchte ich mich. bis jetzt war das noch nie nötig. jedenfalls habe ich es nicht bemerkt. stimmt nicht. manchmal bin ich dem aus dem weg gegangen, und es war gut so. aber jetzt fürchte ich, kommt etwas auf mich zu, das wird nicht gehen.
5. August 2010

Bestandsaufnahme:
entweder er kommt, oder er kommt nicht
aber wenn er kam, dann war er da.
man weiß es nicht.

31. August 2010

mit dem rad gefahren. gegenwind. landschaft genossen auf einer bank (mit aussicht). kartoffelfest auf reiterhof besucht. schön. dorf, alme. bratkartoffeln an romantischer scheune. zurück: den berg hinab. wieder gegenwind. der hatte sich gedreht. sonnenschein, buntes laub, eichelhäher. zuhause erstmal gepennt, wg. gegenwind. auch was gegessen.
die letzten äpfel gepflückt, sortiert und den baum geschnitten. nix passiert.
den ganzen sonntag im goldenen oktober vertrödelt. muss man können. herrlich.
10.10.2010

am main gewesen. rad gefahren, fränkisch gespeist, in kultur gemacht. zurück in das scheiß wetter gefahren und am edersee geblitzt worden. der penner vor mir war zu lange zu langsam. dumm von mir! wirklich dumm. die zeit vergeht sowieso. warum beeilt man sich eigentlich?
zuhause noch gras gemäht und dann rief das heim an. mist.
14.10.2010

[rumpelstielzchen]
ich glaube, das rumpelstielzchen war wirklich verliebt! dann wird auch das allerbeste
stielzchen zum blödmann. die müllerstöchter wissen das nicht zu würdigen, sind jung und unerfahren, einfach überfordert. sie glauben an prinzen auf weissen pferden.
im fernsehen passt ja immer einer auf – und hilft zum schluß. ich vermute, der ist nur da, damit die zuschauer zum schluß nicht so ratlos ins bett fallen, wie willi das immer tut. schon allein wegen dem bruttosozialprodukt.
28.10.2010

Heute wieder Kraniche gesehen. Flogen wie die sprichwörtliche Eins. Leider von Nord-Ost kommend. Scheiße. Da hilft auch kein buntes Laub: der Winter kommt.
07.11.2010

Erstmal durch. Ist gut.
Mein Vater braucht mal wieder einen neuen Rasierer. Meine Mutter weiß nicht, was sie mit all dem zu tun hat und morgen fangen wieder tausend Tage an.
Ich höre gerade Norah Jones. Ist gut. Alles ist gut.
06.12.2010 (Nikolaus – auch gut.)

Ps.: Neun und ein halbes Jahr hat es gedauert bis der Mann gehen konnte. Dann, mit einundachtzig, hat er sich von allen verabschiedet und konnte endlich loslassen. Auch er fehlt.

* The Temptations: Papa was a rolling stone. tamla-motown is hot, hot, hot! volume 4. EMI-Electrola.Papa was a rolling stone