Moralische Anatomie

Da hat mir kürzlich mitten im Bett
eine Studentin der Jurisprudenz erklärt:
Jungfernschaft sei, möglicherweise, ganz nett,
besäß aber kaum noch Sammlerwert.

Ich weiß natürlich, daß sie nicht log.
Weder als sie das sagte,
noch als sie sich kenntnisreich rückwärtsbog
und nach meinem Befinden fragte.

Sie hatte nur Angst vor dem Kind.
Manchmal besucht sie mich noch.
An der Stelle, wo andere moralisch sind,
da ist bei ihr ein Loch…

                                Erich Kästner

Entnommen aus: Das Erich Kästner-Buch. Hrsg. R.Hochhut. Artium Verlag AG, Zürich.

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2 Gedanken zu „Moralische Anatomie

  1. puzzleblume

    Kästner ist auf seine Weise bewundernswert und auf andere Weise in diesem Punkt beklagenswert, denn wo er das die Stelle der vermissten Moral als Loch erkannt hat, hat er schliesslich – und offenbar auch wiederholt – gern mit spiessiger Doppelmoral ausgeholfen, um sich nachher wieder als Richter von ihr zu erheben. Solche Statements mögen dem Zeitgeist entsprochen haben, aber heute finde ich so etwas zu lesen jämmerlich.

    Antwort
    1. mickzwo Autor

      Komm’se her, komm’se ran: Hier wer’n ’se genau so … (trad.)
      Nein, nein. So geht das nicht. Geschichte wiederholt sich doch nicht, oder?

      Es ist wirklich zum Verzweifeln. Auf jeden Fall ist es kein schleichendes Gift (mehr). Es ist öffentlich und am Ende mag man sich nicht mehr im Spiegel ansehen. Den alten Zeus können wir auch nicht fragen..

      Vielleicht hilft Sebastian Haffner aus den frühen Jahren der BRD ja weiter: Anmerkungen zu Hitler oder Die Rüpel-Republik von Jörg Schindler aus dem Jahre 2012. Besser als in den Spiegel zu gucken ist das allemal.

      Die Schule der Diktatoren
      1. November 2012

      In den Buchhandlungen stolperte man in diesem Jahr zunehmend über Bücher von Erich Kästner. Geschichten für Kinder, Kästner für Erwachsene, Liebesgedichte, der politische Kästner, Aphorismen und Zitate. Alles mal so sortiert. Und dann wieder anders. Die Gesamtausgaben hatte ich noch nicht erwähnt. Ich finde das gut. Verwunderlich fand ich es aber auch.

      Gut ist das, weil der zum Besten gehört, was wir zu bieten haben. Verwunderlich, weil mir niemand, von denen, die ich befragte, sagen konnte, was der Grund dafür ist. (Möglicherweise ist die Frage ja auch blöd. Vielleicht hätte ich ja nach dem Anlass fragen sollen. Schließlich befanden wir uns in einem Kaufhaus!)

      Die wollten mir in erster Linie ein Buch von diesem Dichter verkaufen. Am Besten sofort die Gesamtausgabe. Ersatzweise aber auch die neueste Biographie von Irgendwem. Offensichtlich bin ich so ein Biographietyp. …

      Zurück zu Kästner. Ich habe dann doch lieber mein altes Kellerregal konsultiert. Dort bin ich schließlich auch fündig geworden: Neben dem Fliegenden Klassenzimmer fand ich Die Schule der Diktatoren.

      Dieses Buch ist ein Theaterstück und hat ein Anliegen. Der Plan ist zwanzig Jahre alt, das Anliegen älter und das Thema, leider, nicht veraltet. Es gibt chronische Aktualitäten. So Kästner in seiner Vorbemerkung im Jahre 1956 (hier S.6).

      Dieses Theaterstück ist kurz, knackig und bestürzend aktuell. Diktatoren lassen sich züchten und sind vielfach einsetzbar, immer nach der gleichen Methode. Jeder weiß es und trotzdem nutzt es sich kaum ab. Sollte lästigerweise mal ein Wechsel von Nöten sein, dann ist für Ersatz gesorgt. Dafür gibt es ja die Schule.

      Erich Kästner hat immer wieder erklärt und doch Raum zum Denken gelassen, hingewiesen, wo es hinzuweisen gab, war frivol, komisch und mitfühlend. Der hat getröstet, wo Trost von Nöten war. Vertröstet hat Erich Kästner jedoch nie. Nein hat er nicht, schon gar nicht Kinder.

      Die Schule der Diktatoren ist jetzt zerlesen und muss dringend ersetzt werden. Vermutlich verschenke ich auch die Gesamtausgabe nochmal. Ich werde meine Frage vom Anfang an anders formulieren. Vielleicht finde ich ja noch eine Buchhandlung, in der ich dann kaufen kann.

      Wieder im Handel zu sehen, in guten Bibliotheken sowieso.

      Zu diesem Ding fallen mir zwei Links ein. Klar Fabian. Aber beim Schreiben dieser Zeilen hatte ich immer Tina Dickow im Kopf. Komisch, nicht lustig.

      Erich Kästner: Die Schule der Diktatoren. Eine Komödie in neun Bildern. Fischer Bücherei 261, hier: 118.-125. Tsd. August 1969.

      Ich war nicht dabei als er ‚ausgeholfen‘ hat. Gott sei dank! Dem Zeitgeist entspricht so etwas natürlich nicht. Doch gerichtet hat er sicherlich nicht. Zumindest habe ich in dem Gedicht oder Statement so etwas nicht gefunden. Eher das Gegenteil, nur ist das bei manchen nicht angekommen. Weder heute noch damals. Das Gedicht sollte als als Gegenpohl zu dem Text Strafe in meinem anderen Blog fungieren. Kästner war gewiss ein Mann aus einer anderen Zeit. Einer Zeit, die uns erspart blieb. Wir haben heute dafür andere Sorgen. Was er nicht war – das kann ich nur glauben – er war kein jämmerlicher, bigotter Chauvinist.

      Antwort

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