Papa was a rolling stone

Papa was a rolling stone *

Er ist seit gestern im Krankenhaus; Papa hat Fieber, und ist sehr schlapp. Vermutlich eine Lungenentzündung, kann aber auch mit dem Harnweg zusammenhängen. Gegen Fieber bekommt er was, ansonsten wird noch untersucht. Heute Nachmittag kann ich mehr erfahren.
Das kam sehr plötzlich. Bis Mitte der Woche war er eigentlich wie immer drauf.
29. März 2010

Ich war heute wieder im Krankenhaus:
Dieses Brüder-Krankenhaus ist doof. Man muss da weg. Oder ins Bett. Oder beides. Wenn die junge, nette Schwester kommt, dann geht es. Wo bin ich? Gestern war Erwin da. Der wollte wieder kommen. Wie geht es Mama? Ich bin müde.

Wenn ich ein Chinese wäre, aus der hinter-westlichen Provinz und nur so einen Dialekt spräche, aber den flüssig; wenn ich also solch ein Chinese wäre, könnte es sein, dass ich mich über einen Begriff wie Panoptikum wunderte.
Zehn Minuten im Krankenzimmer, in diesem Krankenhaus, und ich als Chinese wüsste sofort, was die Langnasen mit Panoptikum meinen.

Der Papa ist nur noch Instinkt: Irgendwas war besser als das hier. Und da muss ich hin. Nur nicht hier bleiben. Nur nicht stehen bleiben. Oder die nette Schwester kommt. Dann ist gut.
Da sind fast nur solche. Und ich – ernstzwo – möchte dort auch nicht enden. So schön kann keine Schwester sein.

Der Papa hat heute kein Fieber mehr, nur noch eine Bronchitis. Keine Lungenentzündung. Er ist müde, besonders, weil der blöde Pfleger oder die hässliche Schwester mich in den Rollstuhl gesetzt hat. Der Mensch, der sich als mein Sohn ausgibt, hilft mir nicht hier weg zu kommen. Unglaublich. Wahrscheinlich ist das gar nicht mein Sohn. Möglicherweise bleibt der Papa bis zum Wochenende dort. Keine Ahnung.

Ich glaube, der Papa wird wenigstens 81, wie sein Vater. Vielleicht stirbt er auch nächste Woche. Möglicherweise verrät er mir noch, wie er das mit dem Tiger** hingekriegt hat. Ich weiß es nicht.
So war das.
** vergl. Pi Patet: Schiffbruch mit Tiger
31. März 2010

Heute beginnt der Tag wie ein Kitschgemälde. So ein blauer Himmel. Auf den Dächern und Wiesen haben sich kleine Inseln von Rauhreif gebildet, die die Sonne zunehmend verscheucht. Der Qualm steigt fast senkrecht aus den Kaminen.

Dass mein Vater ungeduldig ist, habe ich vor einiger Zeit mit Erstaunen festgestellt. Wir hatten uns angewöhnt ab und zu eine Fahrt ins Blaue zu unternehmen. Der war noch ziemlich fit, aber fahren lassen wollte ich ihn nicht mehr.

Das war nicht so einfach, weil er ja immer alles geregelt hat, für alle da und so unheimlich stark war. Und optimistisch war der, und Witze hatte der drauf. Manchmal haben wir uns im wahrsten Sinne des Wortes krank gelacht, so weh tat dann der Bauch.

Sich fahren zu lassen ist peinlich für so einen Mann – mindestens aber die Einsicht, dass es notwendig ist. Kochen konnte der immer schon gut. Also machte er die Verpflegung und sagte meistens, wo es lang ging. So rollten wir dahin, Richtung alte Zeiten, und hatten viel Spass.

Einmal kam eine rote Ampel. Ich hielt. Das passte ihm gar nicht. Nicht, dass ich hielt. Es gibt ja schließlich Regeln. Aber warum hat ausgerechnet hier jemand eine Ampel hingestellt. Und dann war die noch rot, so lange! Unglaublich, wo wir doch durch das Land rollen wollten.

Ich habe nicht verstanden, warum der sich so aufgeregt hat.

Heute Morgen stehe ich am Fenster und sehe wie dieser herrliche Tag beginnt.
Es stimmt, dass die Zeit mit zunehmendem Alter schneller vergeht. Und trotzdem werden die Winter immer länger. Die Kälte scheint niemals aufzuhören.
Die Bauern sagen hier: Am 1. Mai ist der April vorbei. Recht haben sie. Ungeduldig sind wir trotzdem.
2. April 2010

Eine gute Geschichte am Tag, die reicht. Statt dessen versuchen sie dich am laufenden Band mit Stories zu zu texten.
4. April 2010

Papa ist wieder in seinem Zimmer, und grummelig wie immer. Wer soll da nicht grummeln, nach acht Jahren. Es geht ihm gut, so weit man das bei seinem Zustand behaupten kann. Als er meine Hose sieht gefällt sie ihm nicht, und ich sehe schlecht aus.

Eigentlich kann er nichts sehen aber so eine blöde Hose hat er noch nie gesehen. So weit geht es ihm also gut und er ist froh, dass ich da bin.

Bei seinem Auszug ins Krankenhaus war sein Bild runter gefallen und ich soll den Rahmen reparieren. Mama hat gesagt, ich kann das. Er hat das Bild lange nicht gesehen. Er konnte sich nicht umdrehen. Es war ihm auch egal.

Ich habe es bei seinem Einzug dahin gehängt. Ein dicker, fetter Clown. So bratzig und so fröhlich. Hinter seiner Clownsmaske konnte man die Glatze von Papa sehen. Und in der Tat, es ist fast vierzig Jahre her, da hat er an einem lauen Sommerabend in Gelsenkirchen-Buer auf einem Flohmarkt diesen Clown entdeckt.

Für fünfzig Mark hat er der Malerin dieses Bild abgekauft. Ich muss etwa sechzehn gewesen sein. Manchmal habe ich ihn begleitet, wenn er bei einem Zwischenmeister etwas auszubügeln hatte. Darin war er so klasse.

Nach dem Kauf sind wir in eine Kneipe und haben den Fang würdig gefeiert und da saßen sie. Neben uns waren zwei Bauarbeiter, die hatten auch Feierabend, und sinnierten über schöne Schüppen: Nee, wirklich! Bei uns kannse anfangen. Wir haben nur schöne Schüppen.. Das wurde so ein running gag für uns, all die Jahre.

An die schönen Farben des Bildes konnte er sich erinnern. An den Betrieb in Gelsenkirchen-Buer und an die schönen Schüppen. Da hat er gelächelt.
Der Rahmen wird repariert. Darauf kannst Du einen lassen.
12. April 2010

Der Rahmen ist repariert. Sonst: nix.
17. April 2010

auf dem dachboden habe ich einen spatz gefunden, der aus dem nest gefallen ist. jetzt ist er gerade eingeschlafen. ich habe ihm ein nest gebaut und er hat sogar etwas gefressen.
armer spatz. hast keine chance. um diese zeit fallen viele vögel aus dem nest und gewöhnlich sterben sie unbemerkt. man nennt das wohl die natürliche auslese. es gibt schon prachtvolle fachausdrücke!

jetzt versucht er sich selbst zu wärmen. oh sülzwilli! ist nicht das erste küken, das du durch bringst. auch nicht das letzte, dass sterben will. geh ins bett, junge! der spatz will auch schlafen.

ich werde etwas darstellen müssen. davor fürchte ich mich. bis jetzt war das noch nie nötig. jedenfalls habe ich es nicht bemerkt. stimmt nicht. manchmal bin ich dem aus dem weg gegangen, und es war gut so. aber jetzt fürchte ich, kommt etwas auf mich zu, das wird nicht gehen.
5. August 2010

Bestandsaufnahme:
entweder er kommt, oder er kommt nicht
aber wenn er kam, dann war er da.
man weiß es nicht.

31. August 2010

mit dem rad gefahren. gegenwind. landschaft genossen auf einer bank (mit aussicht). kartoffelfest auf reiterhof besucht. schön. dorf, alme. bratkartoffeln an romantischer scheune. zurück: den berg hinab. wieder gegenwind. der hatte sich gedreht. sonnenschein, buntes laub, eichelhäher. zuhause erstmal gepennt, wg. gegenwind. auch was gegessen.
die letzten äpfel gepflückt, sortiert und den baum geschnitten. nix passiert.
den ganzen sonntag im goldenen oktober vertrödelt. muss man können. herrlich.
10.10.2010

am main gewesen. rad gefahren, fränkisch gespeist, in kultur gemacht. zurück in das scheiß wetter gefahren und am edersee geblitzt worden. der penner vor mir war zu lange zu langsam. dumm von mir! wirklich dumm. die zeit vergeht sowieso. warum beeilt man sich eigentlich?
zuhause noch gras gemäht und dann rief das heim an. mist.
14.10.2010

[rumpelstielzchen]
ich glaube, das rumpelstielzchen war wirklich verliebt! dann wird auch das allerbeste
stielzchen zum blödmann. die müllerstöchter wissen das nicht zu würdigen, sind jung und unerfahren, einfach überfordert. sie glauben an prinzen auf weissen pferden.
im fernsehen passt ja immer einer auf – und hilft zum schluß. ich vermute, der ist nur da, damit die zuschauer zum schluß nicht so ratlos ins bett fallen, wie willi das immer tut. schon allein wegen dem bruttosozialprodukt.
28.10.2010

Heute wieder Kraniche gesehen. Flogen wie die sprichwörtliche Eins. Leider von Nord-Ost kommend. Scheiße. Da hilft auch kein buntes Laub: der Winter kommt.
07.11.2010

Erstmal durch. Ist gut.
Mein Vater braucht mal wieder einen neuen Rasierer. Meine Mutter weiß nicht, was sie mit all dem zu tun hat und morgen fangen wieder tausend Tage an.
Ich höre gerade Norah Jones. Ist gut. Alles ist gut.
06.12.2010 (Nikolaus – auch gut.)

Ps.: Neun und ein halbes Jahr hat es gedauert bis der Mann gehen konnte. Dann, mit einundachtzig, hat er sich von allen verabschiedet und konnte endlich loslassen. Auch er fehlt.

* The Temptations: Papa was a rolling stone. tamla-motown is hot, hot, hot! volume 4. EMI-Electrola.Papa was a rolling stone

Advertisements

Ein Gedanke zu „Papa was a rolling stone

  1. alltagschrott.ch

    Man spürt Deine Liebe/ Trauer für deinen Vater. Sich verabschieden von einem geliebten, starken Menschen, der mental und physisch weggleitet ist schwer. Die Erinnerungen an die schöne Zeiten bleiben. Du hast die zwei Seiten berührend beschrieben.
    Sei herzlich gegrüßt. Priska

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s