Schiffbruch mit Tiger (2)

Schiffbruch mit Tiger
Diese Rechnung ist für mich noch offen. Die Frage begleitet mich. Es ist die Frage wie jemand das mit dem Tiger geregelt hat. Da nutzt auch kein Spruch, jedenfalls ist mir noch keiner begegnet, der plausibel die ganze Mühe erklärt, die so ein Leben verursacht. Vielleicht ist es einfach nur erstaunen über das, was passiert..

Im Spiegel sehen sich die Menschen noch seitenverkehrt. Sie haben immer nur ein Näherungsbild von sich. Vom anderen geht es nur über diesen Umweg. Die Welt besteht aus Mimikry. Jeder – also auch ich – kann gar nicht anders, als sich die Menschen vorzustellen. Das heißt, sie sind dann vollständig, wenn ich sie sehe. Wer kann schon guten Gewissens Casting betreiben?

Man könnte genauso gut Abenteurer werden oder Lebemann oder Intellektueller. Stattdessen endet es vielleicht und meist im Mittelmaß. Was heißt hier schon ehrliche Einordnung der Ereignisse?

So etwas ist spannend bis man es herausgefuden hat. Und dann spart man sich schonmal das sagen. Es erinnert mich doch sehr an ‘Stoner’ von John Williams (https://allesmitlinks.wordpress.com/2014/11/15/stoner/).

Die beste Ordnung taugt nix. Als willi sich aufmachte, um die Welt abermals zu retten, war ihm dieser Gedanke schon geläufig. Die Zeiten ändern sich, aber die Menschen? (https://ernstzwo.wordpress.com/2013/04/26/fruhlingsfest-2/)

Systeme, die Ordnung versprechen sind ja dazu da, Übersichtlichkeit herzustellen – für wen auch immer. Eigentlich sieht das hier nach einer Buchbesprechung aus. Aber es ist auch ein willi-Text. Der Zweifel nagt. „Ordnung ist das halbe Leben“, sagt man. Wer, bitteschön, begnügt sich mit der Hälfte?

Das ist tatsächlich ein willi-Text, keine Besprechung.

Ich lebe jetzt fast vierzig Jahre mit dieser Frau zusammen, lange genug, um herauszukriegen welche Talente wo versteckt sind.

Und, was bringt uns das jetzt? fragte mick. Nichts, war die fast gleichzeitige Antwort von ernst und willi. Wenigstens dies, dachte mick. Dann ging er los, und ließ die anderen hinter sich. Dabei summte er Jealous Guy von John Lennon. Business as usual.

Kommentar im Anhang:
Da die ästhetische Stimmung des Gemüts der Freiheit erst die Entstehung gibt, so ist leicht einzusehen, dass sie nicht aus derselben entspringen und folglich keinen moralischen Ursprung haben könne. Ein Geschenk der Natur muss sie sein; die Gunst der Zufälle allein kann die Fesseln des physischen Standes lösen und den Wilden zur Schönheit führen. Der Keim der letztern wird sich gleich wenig entwickeln, wo eine karge Natur den Menschen jeder Erquickung beraubt, und wo eine verschwenderische ihn von jeder eigenen Anstrengung los spricht – wo die stumpfe Sinnlichkeit kein Bedürfnis fühlt, und wo die heftige Begier keine Sättigung findet. Nicht da, wo der Mensch sich troglodytisch in Höhlen birgt, ewig einzeln ist und die Menschheit nie außer sich findet, auch nicht da, wo er nomadisch in großen Heermassen zieht, ewig nur Zahl ist und die Menschheit nie in sich findet – da allein, wo er in eigener Hütte still mit sich selbst und, sobald er heraustritt, mit dem ganzen Geschlecht spricht, wird sich ihre liebliche Knospe entfalten.

(Über die ästhetische Erziehung des Menschen – 26. Brief) Gefunden im Friedrich-Schiller-Projekt # https://friedrichschillerprojekt.wordpress.com/2015/07/25/philosophische-schriften-26/

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So banal alltäglich wie es aussieht ist es auch, nach meiner Auffassung. Doch als einfach würde ich dies keineswegs bezeichnen. Naturgesetze können nicht ausser Kraft gesetzt werden. Selbst der Harlekin und seine Freunde müssen das anerkennen. Alles was sich denken lässt, wird gedacht. Irgendwann. Und alles was möglich ist, wird auch gemacht. Garantiert.

Es gibt nichts Neues auf dieser Welt. (Pred 1,9) Es war immer schon irgendwo da. Es sieht ganz nach einem Hase-und-Igel-Spiel aus. Alter Wein in neuen Schläuchen, so zu sagen. Vom musikalischen Standpunkt aus gesehen ist Wiederholung ja kaum als verwerflich anzusehen. Im Gegenteil. Erzeugt sie doch Geborgenheit durch eine gewisse Vertrautheit. Das Simple, etwas was sofort plausibel ist, kann durchaus beglückend wirken. Gleichfalls kann man das ein oder andere ausblenden.

Wer hat Angst vor Rot, Blau, Gelb? Diesen Text, den ich am 17. März 2013 veröffentlich habe, widme ich allen, die ihn Lesen wollen.
* https://allesmitlinks.wordpress.com/2013/03/17/wer-hat-angst-vor-rot-blau-gelb/ Und jetzt?

Ich habe mir ein Buch von Rafik Schami besorgt. Darin las ich wieder über das Wesen der Märchen. Toll! Man will nichts verbergen. Man will was rauskriegen und verfällt oft in den Jargon dessen, was man anspricht. Um etwas heraus zu finden. Manchmal denke ich, es ist doch die pure Lust etwas zu erzählen. Im Winter geht so etwas, für Gartenhaber ist das natürlich etwas besser. Möglicherweise Konjunktiv

https://gazelleblockt.wordpress.com/2015/06/13/der-schrei/ :

Edvard Munch_Der Schrei

Oder: Gustav Sack (1885 – 1916)_aus der Sammlung “Die drei Reiter” 1912/1913

Und: Philosophicum Lech »Ich« – Der Einzelne in seinen Netzen. Herausgegeben von Konrad Paul Liessmann – Paul Zsolnay Verlag, Wien – 2014

Und: https://www.youtube.com/watch?v=71D8cRYioXc

Und: Monika Offenberger: Symbiose – Warum Bündnisse fürs Leben in der Natur so erfolgreich sind. Deutscher Taschenbuch Verlag dtv 2014 ISBN 978-3-423-26055-8

Usf…

Alltäglich, nicht einfach.

Ein Junge verliert seine Familie bei einem Schiffsunglück. Er treibt letztlich allein mit einem Tiger über den stillen Ozean. Nun ist so ein Tiger nicht gerade das, was man als Kuscheltier bezeichnen würde. Dieses Tier ist ausgewachsen und frisst alles, was ihm in die Quere kommt.

Zu den Überlebensstrategien des Jungen gehört es fortan, den Verdauungsapparat dieses Tieres aus gewisser Distanz im Blick zu haben, und Futter für die Bestie zu besorgen. Umbringen geht nicht, der Tiger ist einfach zu stark. Auf der anderen Seite würde man den letzten Gefährten auch noch verlieren.

Für einen kontinentalen Betrachter ist so ein Ozean oftmals nur Wasserwüste. Schnell von a nach b kommen, um dann wieder an Land und seiner Wege zu gehen; das geht noch in Ordnung. Wasser und Wellen genießt man lieber mit festem Grund unter den Füßen.

In der Regel reicht es für ein Erinnerungsfoto mit Möwen. Das Meer aber ist Natur, von daher höchst lebendig. Wird man da hineingeworfen, dann muss man rasch viel lernen und verstehen, wenn man leben will. Die eigenen Bedürfnisse müssen gestillt werden und Vorräte sind eher knapp bemessen.

Nur Zeit gibt es im Überfluß. Ein Zuviel an Zeit kann sich in seiner Qualität mit der eines hungrigen Tigers durchaus messen. Das Leben als Schiffbrüchiger ist in jedem Fall kompliziert. Mit einem Tiger als Begleiter wird das sicher nicht einfacher.

Einmal gelingt dem Jungen die Feststellung: Das Leben ist wie ein bengalischer Tiger. Entweder man dressiert ihn, oder er frisst dich auf. In jedem Fall wedelt er mit dem Schwanz danach. Es als langweilig zu betrachten, wäre wohl verfehlt.

Wir werden ständig vollgestopft mit mehr oder weniger abstrusen Geschichten über den Verlust aller Sicherheiten, das Scheitern, das Ende. So etwas fasziniert uns. Nimmt es ein gutes Ende, heisst das oft Komödie, und wird dann kaum ernst genommen. Geht so eine Geschichte für die Protagonisten eher schlecht aus, wird sie bald Drama genannt. So ein Drama wird oft als bedeutender angesehen, aber nicht ganz so gerne konsumiert. Wir lachen lieber.

Schiffbruch mit Tiger lebt für den Leser von der Neugier, wie der Held diese Geschichte wohl überstehen mag. Der Junge gibt sich in sein Schicksal. Er denkt immer nur an den nächsten Schritt und macht dabei so seine Erfahrungen. Es ist ein zutiefst philosophisches Buch, oftmals wunderlich, niemals langweilig. Schiffbruch mit Tiger ist eine erstaunliche Geschichte.

Yann Martel: Schiffbruch mit Tiger. Roman, 2003. S. Fischer Verlag, Frankfurt.
ISBN 978 3 10047 825 8
In guten Bibliotheken und im Handel.

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