Die Zwiebacktüte – aus gegebenem Anlass

Die Bäckersfrau gibt es seit etwa dreißig Jahren nicht mehr. Jetzt wollen die schon wieder einen neuen Kopf für die Werbung bringen. Sanft versteht sich. Die Kundschaft soll sich daran gewöhnen können.

Das Gute ist der Feind des Besseren, sagt man und man sagt auch, dass das Neue das Alte ersetzen muss. Immer. Als ich feststellte, dass die Bäckersfrau abgelöst war, habe ich den Text von Hüsch hervorgeholt und im Schwesterblog ‚AllesmitLinks‘ veröffentlicht. Eine davon war etwa im März 2014, also reichlich spät.

Irgendwo und irgendwann, subjektiv.

Und dann habe ich mal von einem Projekt gelesen. Es sollte eine Stunde dokumentiert werden. Das war doch … egal. Man ist, glaube ich, nicht fertig geworden, hat sich verfranzt in der Endlosigkeit. Es gibt so viele Informationen, zeitgleich, auf engstem Raum. Und dann die ganzen anderen Räume. Daneben. Darunter und darüber…

Das kann Tage, Wochen oder Jahrzehnte dauern. Es bleibt nurmehr der Weg ins Subjektive. Auch das: Tage, Wochen oder Jahrzehnte. Das gibt dann wieder Raum für Interpretationen, Einschätzungen, Bewertungen, die wiederum selbst kommentiert und einsortiert werden können.

Bei allem, falle ihm immer aus seiner Jugendzeit die Geschichte mit der Zwiebacktüte ein, die Zwiebacktüte, auf der immer eine Bäckersfrau abgebildet gewesen sei, die auf ihrem Kopf eine Zwiebacktüte getragen, und eben auf dieser zweiten Zwiebacktüte sei wieder eine Bäckersfrau abgebildet gewesen, die eine weitere, schon wesentlich kleinere Zwiebacktüte auf ihrem Kopf getragen habe, und auf dieser schon wesentlich kleineren Zwiebacktüte sei wieder eine weitere, aber immer die gleiche Bäckersfrau abgebildet gewesen, die eine weitere, schon winzig kleine, aber immer die gleiche Zwiebacktüte auf ihrem Kopf getragen habe, und nun habe man diese letzte Zwiebacktüte nur noch mit der Lupe erkennen können, gleichviel habe aber immerfort eine weitere, immer kleiner werdende Bäckersfrau eine immer kleiner werdende Zwiebacktüte auf ihrem Kopf getragen, und auf einmal wären weder Bäckersfrau noch Zwiebacktüte auszumachen gewesen, aber in seinem Kopf habe er die Geschichte weiterverfolgt bis zur Schlaflosigkeit über die Endlosigkeit der Bäckersfrau mit der Zwiebacktüte, bis zum Wahnsinnigwerden und heute habe er große Lust, über sein ganzes Tun und Lassen DIE ZWIEBACKTÜTE zu schreiben. *

Es gab genau diese Tüte. In meiner Jugend hatte ich eine Phase, da wurde ausschließlich Milch und Zwieback verzehrt. Alternativ dazu manchmal auch nur Zwieback. Das war diese Zeit. Aus Langeweile habe ich die Tüte studiert und dabei das Bild irgendwann entdeckt.

Mit seiner Geschichte hat der Hüsch mich daran erinnert. Später. Dann habe ich aber auch noch festgestellt, dass ein Verantwortlicher – und man kann ihn nur ‚unachtsam‘ nennen – das Bild ausgetauscht hat. Da strahlt mich jetzt ein Kind an.

Man soll sich nicht in anderer Leute Belange einmischen. Denkbar wäre es allerdings dem Menschen, der dafür verantwortlich zeichnet, in den, gewiss weitläufigen, Kellergewölben der Firma ein neues Wirkungsfeld einzurichten. Mit allem was dazu gehört.

Er könnte dort Schrauben sortieren oder alte Akten ordnen. Bis zur Rente, bei vollen Bezügen. Niemals müsste er irgendwo und irgendwann auch nur ein Bild austauschen. Vielleicht würde er dort glücklich werden. Sein Glück sei ihm gegönnt. (Ihr natürlich auch!)
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Nachsatz:
a:) Ich habe mich gefragt, ob man ein Inhaltsverzeichnis in diesem Buch schlicht vergessen hat. Soll ja vorkommen. Sie haben es nicht vergessen. Man braucht es nicht. Man kann jede Geschichte, jeden Text nehmen. Es ist ein Gesamtkunstwerk. Wie ein Mantra.

Trotzdem: Manchmal möchte man etwas zitieren, so wie heute. Es ist erstaunlich, weil sofort zu finden.

b:) Objekt ist, allgemein gesagt, eine Sache oder ein Gegenstand. Es gibt Objekte und dazu gehören auch dann wieder Situationen. Die können von Menschen geprägt sein. Deren Betrachtung nimmt jedoch immer ein Subjekt vor. Anderen ist das piepe.

c:) Einen wunderbaren Artikel zum Thema ‚Originalität‘ findet zum Beispiel man im lesenswerten Blog ‚buzzaldrins Bücher‘ unter https://buzzaldrins.wordpress.com/2013/07/05/die-falschung-der-welt-william-gaddis/
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* Hanns Dieter Hüsch: Den möcht‘ ich seh’n… Satire Verlag, Köln 1978.
ISBN 3 88268 005 9
Ebendort, Seite 197: Die Zwiebacktüte.

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