Randbemerkung

Die Leserin in der U-Bahn, die letzte Seite umblätternd..
..Sie blickt auf und hat alle Gefühle, nur nicht die Menschen dazu. Und wirkt ein wenig lächerlich in ihrer wehmütigen Übertreibung des Sensiblen.

Am Straßenrand in der Hocke ein Dreißigjähriger im Anzug, die Tasche neben sich im Dreck, bitterlich weinend. An seiner Seite blickt ein Begleiter auf ihn hinab, genauso gekleidet. Der einzige Satz den ich höre:
„Keine Sorge, das resetted sich.“
*

Kleines Solo

Einsam bist du sehr alleine.
Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Träumst von Liebe. Glaubst an keine.
Kennst das Leben. Weißt Bescheid.
Einsam bist du sehr alleine –
             und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

Wünsche gehen auf die Freite.
Glück ist ein verhexter Ort.
Kommt dir nahe. Weicht zur Seite.
Sucht vor Suchenden das Weite.

Ist nie hier. Ist immer dort.
Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Einsam bist du sehr alleine –
             und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

Schenkst dich hin. Mit Haut und Haaren.
Magst nicht bleiben, wer du bist.
Liebe treibt die Welt zu Paaren.
Wirst getrieben. Musst erfahren,
dass es nicht die Liebe ist . . .
Bist sogar im Kuss alleine.
Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Gehst ans Fenster. Starrst auf Steine.
Brauchtest Liebe. Findest keine.
Träumst vom Glück. Und lebst im Leid.
Einsam bist du sehr alleine –
             und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

Erich Kästner Herbst 1947, Schaubude

Dieser oder dieses Weblog (wie der große Bruder auch) befasst sich mit dem Begriff Liebe, in allen seinen Belangen. Das ist nicht neu.

„So bin ich nun, ich armer Tor, genauso schlau, als wie zuvor.“ Das ist auch schon anderen passiert. Kommt vor. Bedauernswert, zwar aber es kommt vor. Zumal bei diesem Thema. Ich mag es nicht akzeptieren nur weil jemand diesem oder jenen Kulturkreis angehört oder diesen oder jenen Bildungsstand hat, alt oder jung ist, dick oder dünn, Mann oder Frau, ich mag es nicht, jemandem ein Etikett zu verpassen.

Wir alle haben Vorurteile. Ohne Vorurteile würde man nicht heil über die Straße kommen. Sie begleiten uns und als Krücke können sie wirklich hilfreich sein. Nur wissen sollte man um sie und man muss sie immer wieder genau beobachten und in Frage stellen. Nur so sind sie hilfreich.

„Alles ist nichts ohne die Liebe. (Auch so ein Satz!) Liebe ist meiner Meinung nach viel weiter gefasst als das Glück. Das Glück ist demnach der Unterbegriff. Glück ist ohne Unglück nicht denkbar. (Dauerglück könnten wir nicht aushalten.) Aber es gibt nur eine Liebe. Die gilt es zu finden. Es gibt auch unglückliche Liebe.

Gibt es ein liebendes Unglück? Oder ein unliebendes Glück? Zur Liebe gibt es kein Gegenstück. (Selbst der Hass hat seinen Ursprung in der Liebe.) Der Versuch, die Liebe ausser Kraft zu setzen, muss misslingen. Da läßt sich nur Leere produzieren. Liebe ist unteilbar und sie wächst nur, wenn man sie teilt.

Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Ich glaube das stimmt. Es muss dieser durchgeknallte Pharao gewesen sein oder jemand ganz anderer. Der Prediger bildet nur einen Teil in der langen Reihe von grossartigen Denkern die den Satz aufgenommen haben.

Heisst es nun das oder der Blog? – Egal.

* Roger Willemsen: Der Knacks. (S.196)

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2 Gedanken zu „Randbemerkung

  1. SätzeundSchätze

    Lieber Mick,
    deine klugen Lebenszeichen aus der Blogpause – ich mag sie sehr. In diesem Beitrag steckt so viel drin, das mich auch immer wieder, und in diesen Tagen besonders, umtreibt. Als hättest Du das geahnt 🙂

    Antwort
    1. mickzwo Autor

      Manchmal liegt so etwas gerade in der Luft. In jedem Fall danke ich für diese netten Worte.
      mick.

      Antwort

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