Abendlied

Schmetterling kommt nach Haus
Kleiner Bär kommt nach Haus
Känguruh kommt nach Haus
Die Lampen leuchten
Der Tag ist aus

Kabeljau schwimmt nach Haus
Elefant läuft nach Haus
Ameise rast nach Haus
Die Lampen leuchten
Der Tag ist aus

Fuchs und Gans kommen nach Haus
Katz und Maus kommen nach Haus
Mann und Frau kommen nach Haus
Die Lampen leuchten
Der Tag ist aus

Alles schläft und alles wacht
Alles weint und alles lacht
Alles schweigt und alles spricht
Alles weiß man leider nicht
Alles schreit und alles lauscht
Alles träumt und alles tauscht
Sich im Leben wieder aus
Es sitzt schon der Abend
Auf unserem Haus

Schmetterling fliegt nach Haus
Wildes Pferd springt nach Haus
Altes Kind kommt nach Haus
Die Lampen leuchten
Der Tag ist aus.
*

Hanns Dieter Hüsch und ein Schatz an Zitaten – Verbeugung für den größten Geschichtenerzähler der Welt.

Ein Schatz kann dich reich machen oder blenden. Er kann dich befördern oder belasten. Je nach dem. Zitate sind immer aus dem Zusammenhang gerissen; sie sind darum für so ziemlich alles einsetzbar.

Deshalb sind sie eigentlich für nichts zu gebrauchen. Die Einsetzbarkeit erklärt für mich ihre hohe Stellung auf der Beliebtheitsskala. Man kann Zitate zeitgleich verwenden, die absolut konträr sind. Es kommt immer auf den Zweck an.

Bestenfalls werden Fundstellen benannt. Quasi Orte der Begegnung. Also zum Beispiel: „Auf Schwarz sieht man alles.“ Diesen Satz habe ich schon tausendmal gehört. Er wurde mir von Hanns Dieter Hüsch lediglich nochmal in Erinnerung gebracht. Damit hat der Satz für mich aber eine neue Qualität bekommen.

Der Hüsch hatte so eine Art die Sätze zu gebrauchen, da hat man sie für sich neu verstanden. Er hatte eine große Sammlung solcher Sätze und Worte, und er hat uns daran teilhaben lassen. Der war einfach genial im Erspüren und Darstellen von Situationen. Er hat da was kalkuliert und mit Sicherheit auch geprobt.

Als großer Künstler hat der Hüsch immer aber auch Raum gelassen für das, was wir für unsere eigenen Ideen hielten. Auf diese Weise wurden viele seiner Gedanken transportiert. Anderes wurde einfach wiedergefunden. Belebt. Es war so offensichtlich.

Mit Sicherheit ist da auch viel Unterhaltung im Spiel gewesen. Mit Speck fängt man schließlich Mäuse. So einen Satz hat er bestimmt auch irgendwo benutzt. In erster Linie war es Nachdenken und Poesie.

Wie auch immer: er hat mich reich gemacht und befördert. Ich bin noch lange nicht angekommen. Kommt noch, kommt noch, läßt er den lieben Gott einmal sagen. Vielleicht kann man gar nicht ankommen, sondern ist immer unterwegs.
..
* Dieses Abendlied habe ich zuerst gehört in dem Programm Nachtvorstellung, 1975. Wiedergefunden habe ich es hier:
Hanns Dieter Hüsch, Abendlied. 1974.In: Den möcht‘ ich seh’n … 1978, S.135.
ISBN: 3 88268 005 9

Daraus ergibt sich für mich zum Beispiel die Frage: „Was ist eigentlich Mut?“
Vielleicht ist es auch ein Leben wie im Film. Bestimmt ist es wie im Film. Es ist zum Piepen.

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2 Gedanken zu „Abendlied-

  1. Mion

    …vielleicht müssen wir nirgendwo ankommen, weil wir schon da, also zu Hause sind!! …vielleicht laufen wir nur im Kreis auf der Suche nach dem Sinn..

    Antwort

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