Der Mann

Zu spät, zu spät zum Gänseblümchen pflücken… *

Als Kinder verlangten wir Geschichten. Besonders abends waren wir unersättlich. Und manchmal erzählte unser Vater uns auch folgende Geschichte:

Es war einmal ein Mann. Der hatte sieben Söhne. Und die sieben Söhne sagten: „Vater, erzähl uns eine Geschichte.“
Da fing der Vater an:
Es war einmal ein Mann. Der hatte sieben Söhne. Und die sieben Söhne sagten: „Vater, erzähl uns eine Geschichte.“
Da fing der Vater an:
Es war einmal ein Mann. Der hatte sieben Söhne. Und die sieben Söhne sagten: „Vater, erzähl uns eine Geschichte.“
Da fing der Vater an:
Es war einmal ein Mann. Der hatte sieben Söhne. Und die sieben Söhne sagten: „Vater, erzähl uns eine Geschichte.“
Da fing der Vater an:
Es war einmal ein Mann. Der hatte sieben Söhne. Und die sieben Söhne sagten: „Vater, erzähl uns eine Geschichte.“
Da fing der Vater an:
Es war einmal ein Mann. Der hatte sieben Söhne. Und die sieben Söhne sagten: „Vater, erzähl uns eine Geschichte.“
Da fing der Vater an:
Es war einmal ein Mann..
**

Ich glaubte noch nie, dass dieser Singsang auf seinem Mist gewachsen ist. Und trotzdem konnte ich immer wieder zuhören. Das ist jetzt aber nicht von Interesse. Viel wichtiger ist, das ich jetzt an diese Geschichte denken muss. Sie hatte ungefähr siebenmillionen Strophen.

Gefühlt..

Vergessen hatte ich ihn, also meinen Vater, zu fragen, ob die sieben Söhne das nacheinander sagten oder ob sie die Bitte im Chor vortrugen.

Später verkniff ich mir diese Frage. Wie so manche Fragen. Vielleicht wartete er ja nur darauf, mir ins Ohr zu sprechen. Man weiß et nich.

Wenn er uns diese Geschichte erzählte, mutierte er vom Papa zum Vater. Nur dann.

Wenn er uns diese Geschichte erzählte, mutierte er vom Papa zum Vater. Nur dann.

Ich hatte schlicht und ergreifend den richtigen Zeitpunkt verbaselt ihm danach zu fragen.

Als es dann darauf ankam, musste ich wieder an diese Geschichte denken. Aber ich war zu müde, um diese Frage noch zu stellen. Wohl war die Antwort auch nicht mehr so wichtig. Wir waren immer füreinander da und jeder akzeptierte das. Für uns war das so klar wie wie seine Hühnerbrühe.

Das ist mehr, als man erwarten kann.

———————
* Das Burgfräulein Bö zu Ritter Rost angelegentlich einer Mutprobe, die ihm, dem Ritter, bevorstand.
** trad.

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5 Gedanken zu „Der Mann

  1. offenercomputertreff

    Hat dies auf Meine Bibliothek ist toll! rebloggt und kommentierte:
    Als ich heute Morgen durch die Kinderbibliothek stolperte, sprang mich ein Bilderbuch an. Das handelte auch von einem Vati. Der war ein Pirat. Er roch nach Meer und Wellen. Sobald er zuhause bei dem geliebten Sohn war, versprühten seine Geschichten Abenteuer und Tollkühnheit. Er war ein aufrechter Mann.
    Söhne brauchen so etwas wie Brot. Beides – das Brot und die Gesinnung – versuchte der Vater dem Sohn zu bieten, Wie sich herausstellen sollte, fristete der Vater ein ziemlich erfolgloses Dasein als Gastarbeiter. Für den Sohn blieb er jedoch immer ein Pirat und Freibeuter.

    Davide Calì: Mein Vater der Pirat, Illustriert von Maurizio A.C.Quarello. 2014 Jacoby@Stuart, Berlin. ISBN 978 3 942787 39 0

    Antwort
  2. wederwill

    Die ganze Zeit beim Lesen hatte ich Burgfräulein Bö im Ohr… „du kannst dich nicht verdrücken“ 🙂
    (Und eigentlich ist es ja auch wirklich egal, ob die Söhne einzeln oder im Chor um die Geschichte gebeten haben – ganz egal, die Hauptsache ist ja, der Vater hat erzählt…)
    Liebe Abendgrüße,
    Marlis

    Antwort
    1. mickzwo Autor

      Sang damals die große Schwester unseres kleinen Nesthäkchens nach einer viel zu langen Autofahrt. Das Burgfräulein Bö und ihr Rittersmann haben uns sehr viel Freude bereitet. (Und das andere sehe ich auch so 🙂

      Antwort
      1. wederwill

        Ritter Rost war mir immer viel lieber als Sissi Perlinger als Lillifee, die damals gerade ziemlich angesagt war. Unsere aktive Autofahrhörzeit liegt jetzt auch schon wieder (leider und Gott-sei-Dank zugleich) ungefähr 3 Jahre zur, aber die Zeilen „lecker lecker diese Kost – so kocht die Oma…. von Ritter Rost“ schallen öfters noch durchs Haus 🙂
        LG, M.

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