Sympathie (Frisch, Tagebuch 1946-1949)

Am Ende ist es immer das Fälligste, was uns zufällt. *
Oder:
Es gibt nichts Neues unter der Sonne. **

Es ist nicht unbedingt schön, was man sieht. Die Möglichkeiten, Erfahrungen zu machen, scheinen schier unendlich. Nur machen muss man sie selbst. Man kann sich so etwas kaum aussuchen. Wie sich einer auch nicht wirklich aussucht, in welcher Umgebung er aufwächst.

Entscheide dich selbst. (S.695)

Das ist das altbewährte Rezept eines jeden Orakels. Der Mensch ist und bleibt ein soziales Wesen. Die Tatsache, dass er Orakel bemüht, ist pure Ablenkung. Man ist eben immer versucht eine Abkürzung zu gehen. Der missverstandene Ratschlag als Rezept, als Anweisung für das eigene Handeln kann schlechterdings nur Selbsttäuschung sein.

„Sympathie nicht als Unterlassung der Kritik. Aber: Sympathie hat Geduld, die Geduld der Hoffnung, sie behaftet uns nicht auf einer einzelnen Gebärde, die ungehörig ist, vorlaut, tappig, eitel, rücksichtslos, selbstgerecht; sie läßt uns stets eine weitere Chance… Anders als der Partner, der keine Sympathie empfindet: er verbucht, was ist, und gibt keinen Vorschuß, er ist aufmerksam und gerecht, und das ist fürchterlich.“ (S.635)

Anders gesagt: ein Mensch braucht irgendwann das Gefühl einen Zuhörer, ein Publikum zu haben.

„Wenn die Ehrlichkeit darin bestünde, einfach alles zu sagen, es wäre sehr leicht, ehrlich zu sein, aber wertlos, nicht lebbar, alles zerstörend, Tugend auf Kosten der anderen. Wo aber beginnt die Lüge? Ich würde sagen: wo wir vorgeben, in diesem Sinne ehrlich zu sein – kein Geheimnis zu haben.
Ehrlich sein: einsam sein.“
(S.701)

Von Sinnen:

Jeder wird irgendwem versuchen seine Geschichte zu erzählen. Unterbrich ihn nicht. Es ist doch seine Geschichte. Wird er gestört, startet er sie nochmal, bis er fertig ist. Es ist ihm im Grunde gleichgültig wann, wo und wem er sie erzählt. Manchmal könnte man meinen, auch ob sie verstanden wird, ist ihm egal. Offenbar geht es ums Gehört-werden, nicht ums Verstehen.

(Zu Gast auf Sylt, 1949)
„Endlich einmal zu den Baracken, die man immer von weither sieht. Ein Lager von schlesischen Flüchtlingen. Schmutzwäsche in der Sonne, Kinder, Blechgeschirr, Arbeitslose, Kaninchenstall von Volksgenossen, ganz abseits wie die mittelalterlichen Siechenhäuser. Nur der Staat reicht ihnen die nötige Nahrung. Man spricht nie von ihnen. Das einzige was ich bisher gehört habe: sie haben wieder ein Huhn gestohlen! – daneben die Leute im bunten Bademantel, die glänzenden Limousinen, die es auch wieder mit deutschen Nummern gibt…Ferner denke ich an den polnischen Bauer, der uns vor einem Jahr bewirtet hat, den braven, der jetzt auf ihren Feldern pflügt, weil man ihn auch von den seinen vertrieben hat, und der ein genaues Tagebuch führt über seine Arbeit, auch über die Arbeit dieses heutigen Tages, über Saat und Ernte -.
Wem wird er es einmal zeigen müssen?
Denen mit der Limousine?“
(S.701)

Man mag sie Leute nennen – und das ist sicher Absicht – aber Menschen sind oft so.

„Das weitaus meiste, was Menschen erleben, liegt wohl im Bereich der Ahnung; schon der andere Bereich der Erlebbarkeit, die Erinnerung ist viel kleiner. Wäre es nicht so, gäbe es überhaupt keine Dichter, nur Reporter, und es gäbe vor allem auch keine Leser. Was tut denn der Leser, indem er ein Buch aufschlägt? Er verläßt sein Dabeisein, da es ihn nicht erfüllt; er begibt sich in den Bereich seiner Ahnung: um etwas zu erleben.“ (S.711)

Wer sich als Herrschaft versteht, wird die Gedanken der Menschen, denen er etwas verspricht, einfangen wollen. Ohne dem, wird es auf Dauer nicht gehen. Herrschaft und Wohlstand sind immer verlockend. Kaum einer der hier nicht zugreifen will um teilzuhaben. Fehlt die Sympathie für die Menschen, ist aber auf Dauer alles nichts.

Nachbemerkung:
Zum Ende dieses Tagebuches musste ich des Öfteren an ein anderes Buch, einen späteren Roman denken: Die große Welt von Colum McCann. Vermutlich wegen dem Drang nach Publikum, dem Drang zu erzählen.

Ich habe diesen Max Frisch noch lange nicht zu Ende gelesen. Es ist schon erstaunlich, was diesen Schweizer alles um trieb während und kurz nach dem einen Krieg, der so schrecklich und erbarmungslos war, wie Kriege nun mal sind.

In seiner Monstrosität war er wohl einmalig, genau wie in der geschäftsmäßigen Unbedingtheit, seiner kalten Brutalität und der Entschlossenheit zur Konsequenz, mit der alles zu Ende gebracht werden sollte. Er wurde verbrämt mit Glauben und Hoffnungen, die sich allesamt in Luft aufgelöst haben.

Vielleicht genau deshalb wird immer wieder gerechtfertigt und geleugnet; dieser Krieg war möglicherweise Richtungsweisend für andere Konflikte auf dieser Welt. Gott sei Dank habe ich das nie am eigenen Leib erfahren müssen.

Vielen Gedankengängen dieses Schriftstellers konnte ich folgen, manches habe ich noch zu durchdringen, bevor ich es für mich bewerte. Jetzt will ich erst mal Luft holen.

Max Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Bd. II. Hier: Tagebuch 1946-1949. Suhrkamp-Taschenbuch. Frankfurt 1998. ISBN 3 518 06533 5 ***

* Über den Zufall, den Irrsinn und das Vertrauen. Aus: Max Frisch, “Tagebuch 1946 – 1949″ Ursprünglich gefunden bei Cool Pains. Siehe dazu auch Chronist der Winde.

** Prediger Salomo, frei nach Martin Luther. Siehe dazu auch den Artikel zu: Roger Willemsen, Momentum

*** (Im April 2015 habe ich begonnen diese Tagebücher zu lesen. Daraus hat sich dann eine kleine Reihe entwickelt. Am besten zu finden unter https://allesmitlinks.wordpress.com/autoren-alphabetisch/ .)

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Ein Gedanke zu „Sympathie (Frisch, Tagebuch 1946-1949)

  1. Martina Ramsauer

    Ich habe das Tagebuch von Max Frisch vor sehr langer Zeit gelesen, aber er hat sich mit dem Nachkriegsdeutschland und mit dem Vergessen auseinander gesetzt. Mich friert, wenn ich lese, wie wichtig es ist, dass man einen Zuhörer findet, um seine Lebensgeschichte erzählen zu können und dass das meiste, was Menschen erleben, Ahnung ist! Danke

    Antwort

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