Bemerkung zu Graf Öderland

Willie’s Heartbreak Hotel

Don_Quichote

Die paar Windmühlen, die zu bekämpfen sind, wollen wir selbst bestimmen.

„Sein Irrtum besteht darin, zu meinen, daß er damit die anderen zwinge, ein gleiches zu tun…“ (S.354)

Willie’s Heartbreak Hotel war mal ein ziemlich berühmter Schuppen im In-Viertel der Stadt. Er ist immer noch angesagt. Dahin gezogen hat es mich nie wirklich.

Obwohl der Name schon verlockend war – und ist !
Vor langer Zeit bin ich einmal drin gewesen und dann prompt ziemlich versackt. Das Bier dort war nicht mal nach meinem Geschmack.

„Manchmal schon, früher, hatte ich dieses Gefühl, es ist eigentlich das einzige, woran ich mich erinnere, so ein blödes Gefühl, daß man irgendwo erwartet werde, anderswo, und daß man irgend etwas ganz Bestimmtes machen müßte!“ *

In dem Tagebuch gibt es einen Dialog zwischen Graf Öderland und seiner späteren Geliebten **:

„Woher kennen wir uns eigentlich?“
„Alle Menschen kennen einander…“
„Meinst du?“
„Wenn sie sich selber kennen.“

Zurück zum Heartbreak Hotel. Die Nacht verlief übrigens damals sehr erfolgreich. Es wurde daraus eine Freundschaft, die lange trug. Weil sie auf einem Irrtum beruhte, musste sie dann doch irgendwie zu Ende gehen.

[Eigentlich ging sie nicht zu Ende. Sie verlief sich einfach. So etwas gibt es auch. Wie ich damals nach Hause gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Im Nachhinein ist das auch nicht von Belang.]

Weiterhin lässt Frisch den Grafen Öderland sagen „…im Grunde sind es drei oder fünf Menschen denen wir ein Leben lang begegnen, immer die gleichen, und wenn man um die Erde liefe, da ist immer ein Mädchen, ein Gesicht wie das deine, jung, ernst, schüchtern und verwegen zugleich wartend, gläubig, fordernd und da ist immer ein Gendarm, der wissen muß, wie man heißt, wohin man geht, und immer, wenn man gehen will und nichts als gehen, gibt es Stäbe…“ ***

Willie’s Heartbreak Hotel

Die Kneipe gibt es immer noch. Nach ihrer Karte zu urteilen, haben sie die Biersorten geändert. Und das Publikum ist lange ein anderes. Ansonsten ist alles wohl so geblieben. Nur älter halt.

„Wir haben eine Quantenlehre, die ich nicht verstehe, und keiner ist aufzutreiben, der alles zusammen versteht, keiner, der unsere ganze Welt in seinem Kopf trüge; man kann sich fragen ob es überhaupt eine Welt ist. …“ (S.450)

Oder:

„Man fragt sich manchmal, inwiefern eine Gegenwart überhaupt erlebbar ist. Könnte man unser Erleben darstellen, und zwar ohne unser Vorurteil, beispielsweise als Kurve, so würde sie sich jedenfalls nicht decken mit der Kurve der Ereignisse; eher wäre es eine Welle, die jener anderen verwandt ist, die ihr vorausläuft und wieder als Echo folgt; nicht die Ereignisse würden sich darstellen, sondern die Ereignisse der Ahnung, die Anlässe der Erinnerung. Die Gegenwart bleibt irgendwie unwirklich, ein Nichts zwischen Ahnung und Erinnerung, welche die eigentlichen Räume unseres Erlebens sind; die Gegenwart als bloßer Durchgang; die bekannte Leere, die man sich ungern zugibt.“ (S.451f)

Während eines Ausflugs in die Schweiz, nahe Schaffhausen stand ich plötzlich vor einem alten Fachwerkhaus. Ein Metzger, der es einst im Besitz hatte – vielleicht im beginnenden neunzehnten Jahrhundert – ließ wohl folgende Inschrift an die Fassade anbringen:

Dies Haus ist mein und doch nicht mein. Das Leben ist kurz.
Es wäre für willi sicherlich sehr interessant zu wissen, was sich dieser Mensch dabei gedacht hat.

* S.417, ** S.418, *** S.419

Max Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Bd. II. Hier: Tagebuch 1946-1949. (Bemerkung zu Graf Öderland.) Suhrkamp-Taschenbuch. Frankfurt 1998. ISBN 3 518 06533 5

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3 Gedanken zu „Bemerkung zu Graf Öderland

  1. Maren Wulf

    Wenn das kein Zu-Fall ist, dass ich heute diesen Text lese… gerade gestern stieß ich auf einer kurzen Reise in eine lang zurückliegende Vergangenheit auf so ein „Heartbreak Hotel“.
    So eine Inschrift wie auf dem Fachwerkhaus in der Schweiz (nur länger und dadurch quasi selbsterklärend) habe ich im vergangenen Jahr auf einem Gebäude im Taunus entdeckt und im Bild festgehalten. Statt das jetzt abzutippen, verlinke ich mal kurz – mit lieben Grüßen an Willi natürlich: https://orteundmenschen.wordpress.com/2014/07/22/taunus-to-take-away/

    Antwort
    1. mickzwo Autor

      Das ist ein Zufall, beziehungsweise sind es genau drei.
      Ad eins: in diesen Ort der Schönen und Reichen war ich im letzten Sommer auch. Dort haben wir uns unter anderem die Burg angeguckt und ein Pläuschchen mit dem Gärtner der Anlage gehalten. (Vor der Streitkirche haben wir auch gestanden, haben uns aber dann – angesichts der Hitze für ein Eis im Café entschieden 😉
      Ad zwei: dass Du diesen Spruch bei Fischbach gefunden hast erspart mir Nachforschungen. G. war es gleich klar: Das letzte Hemd hat keine Taschen.
      Und drittens: das „Heartbreak Hotel“ ist eine Kette oder ein Francise-Unternehmen …

      Vielen Dank für diesen Kommentar, die Grüße sind bei willi angekommen. Und er bedankt sich auch 🙂

      Antwort

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