Die große Welt – zu Simenon

Dieses Buch ist so grandios, das kann hier ruhig nochmal stehen.

Oft kaufe ich Bücher, weil ich den Titel mag. Manchmal lese ich die erste Seite an, und wenn ich dann nicht wieder aufhören will, ist das klar. Hier hat es mir das Cover angetan. Irgendwie kam mir der Mann mit dem Balancierstab bekannt vor. Diese Geschichte habe ich eher so by-the-way gekauft. Bauchgeschichten.

Erstmal war das dann doch ziemlich sperrig zu lesen und fast hätte ich es beiseite gelegt. Die große Welt versprach das bunte Treiben in New York, und begann doch in Irland und das auch noch spießig. Weiter ging das auf dem billigsten Straßenstrich in der Bronx, elendig, dreckig und auch noch langatmig. Vom Drahtseilakrobaten keine Spur und dick war das Buch auch noch.

Schon komisch: Jeder hockt in seiner kleinen Welt und hat das tiefe Bedürfnis zu sprechen, jeder trägt an seiner eigenen Geschichte, die er an irgendeinem Punkt beginnen lässt und dann unbedingt zu Ende erzählen muss, damit sie einen logischen, abschließenden Sinn ergibt. (S.452) Uns macht es irre, wenn wir nicht wissen, wo die Reise hin gehen soll. Selten hat mich ein Buch so irritiert! Der schreibt ein Buch über die große Welt und erzählt sie von der Kleinen aus.

Und das fängt natürlich auch ganz unten an. Der Drahtseilakt passiert – kaum erkennbar – weit oben; man erfährt davon erst Mal nur durchs Hören-sagen. In jedem Fall holt man sich einen steifen Nacken, wenn man was mitkriegen will. Und man will. Schließlich muss doch was passieren. Aber es passiert im Grunde nicht viel. Wir lernen Menschen und deren Situationen aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln kennen. Und das ist trivial.

Irgendwie nimmt das Triviale mehr und mehr Besitz vom Leser und schließlich will man wissen, wie die Geschichte weitergeht … Man denkt über vieles nach, was auf den ersten Blick nichts mit Drahtseilakten, Straßenstrichen oder Wohngegenden New Yorks zu tun hat. Große Kunst.

Nachsatz: Reisen bildet, sagt man. Auf Reisen trifft man immer zuerst auf sein eigenes Ego, gleichgültig wo man landet. Das sagt man auch. Die große und die kleine Welt, beide geschehen in einem Kopf. Besser in vielen. Das gilt für New York und die Copacabana, genau so wie für Dortmund-Hoerde oder Bielefeld. Mal trifft man wen, selten ist man froh allein zu sein.

Colum McCann: Die große Welt. rororo 2011. ISBN 978 3 499 24827 4

mick (2011/2013)

Zusatz: Warum zu Simenon? In dem Artikel Der Neger hat eine Geschichte zu mir gefunden, die mich sehr an diese erinnerte.

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8 Gedanken zu „Die große Welt – zu Simenon

    1. mickzwo Autor

      Hallo Daggi Dinkelschnitte,
      ich habe, ehrlich geschrieben, nicht verstanden, was du meinst. Bei mir sieht alles so aus, wie es sein soll. (Was ja nichts heissen muss.)

      Antwort
      1. mickzwo Autor

        Das war das alte Bild vom Header. Ich hatte es gelöscht. Mir war nicht bewusst, dass damit ein Fehler produziert wurde. Jedenfalls habe ich ihn nicht gesehen. Vielleicht versuchst du es noch mal. Es sollte jetzt zu sehen sein.

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