Willi dachte

Er saß auf seinem Stuhl. Er dachte. Während die anderen liefen, saß er und dachte.

Dachte über das Laufen nach. Er sah dabei den Läufern zu. Manchmal bemerkte er, wie so ein Läufer auf ihn aufmerksam wurde. Dann lächelte er. Häufig aus Verlegenheit, denn er bildete sich ein, die Verwunderung jener Läufer zu spüren.

Andere Läufer begegneten ihm höflich. Das machte ihm Unbehagen, weil er Höflichkeiten nicht einzuordnen wusste. Er war dann auch höflich. Selten blieb ein Läufer stehen. Glücklicherweise hatten die Höflichen fast nie Zeit und blieben nur kurz, um sich dann, ihrer Art entsprechend zu verabschieden.

Blieb jedoch ein verwunderter Läufer bei ihm stehen, um sich für seine Verwunderung Zeit zu nehmen, konnte es geschehen, dass der Sitzende zu erzählen begann. Oft ging dann der Verwunderte nach kurzer Zeit seiner Wege; noch ein wenig verwunderter als zuvor. Man konnte das an einem leichten Kopfschütteln der Verwunderten erkennen. Nach einigen Metern begann der Verwunderte dann wieder zu laufen und trabte locker davon.

Kaum einer kam ein zweites Mal. Einmal jedoch blieb so ein Verwunderter, kopfschüttelnd zwar, aber er blieb. Und der Sitzende begann zu erzählen. Erzählte, was er gedacht hatte; auch was er denken würde erzählte er. Dabei vergaß der Sitzende die Zeit und auch seinen Stuhl.

Er fühlte, wie der Verwunderte ähnliches vergaß. Das machte den Sitzenden froh, weil er ja dachte, um zu erzählen. Erzählen, damit du für eine Weile die Zeit vergisst. Da blickte der Verwunderte auf seine große und überdeutliche Uhr.

Es war eine Uhr für eilige Läufer. Sie müssen ständig Zeiten nehmen. Müssen Zeiten einhalten. Können in ihrer Eile selten genau hinsehen. Darum sind die Uhren so gross und deutlich. Der Sitzende wusste das, hatte es beim Erzählen aber vergessen, wie er ja auch seinen Stuhl vergessen hatte.

Wie vergesslich er war, dachte er später und lächelte dabei. Er dachte auch noch, dass die Vergesslichkeit oft hilfreich ist. Das geschah, als er dem verwunderten Läufer noch zusah, bis dieser um eine Ecke verschwand.

Vielleicht war es, dass er nun etwas ändern wollte. Jedenfalls stand er nach einer ziemlichen Weile auf. Da rempelte ihn ein höflicher Läufer sehr eilig an. Willi musste sich wieder setzen. Es kamen immer wieder Läufer.

Er begnügte sich also mit ihrem Anblick und wartete. Wartete auf seinen verwunderten Läufer, der einmal die Zeit vergessen hatte. Willi liebte diesen Läufer für seine Vergesslichkeit. Doch das brachte ihn in eine Zwickmühle. Er wollte nicht albern sein. Ab und an sah er den Läufer.

Gewöhnlich winkten sie sich dann zu. Das war sehr zärtlich und gar nicht albern. Er sah dann seinem Läufer wieder bis zur Ecke nach und war froh. So verging die Zeit. Manchmal geschah es, dass der Läufer stehen blieb und ihm, dem Sitzenden erzählte.

Erzählte, was er gesehen hatte. Oder erzählte, wo er hin wollte. Der Sitzende erzählte dann, was er gedacht hatte; auch, was er noch denken wollte. So unterhielten sie sich, dachten sich Witze aus und erzählten auch von ihrem Ärger. Es kam auch vor, dass sie sich umeinander sorgten.

Das war niedlich, denn sie betrachteten es wohl als unerlaubt. Jedenfalls war es ihnen etwas unheimlich dabei. Aber sie taten es ja doch, und weil sie merkten, wie tollpatschig sie waren, lachten sie über sich. Dann begannen sie sich zu erinnern und waren erstaunt, was das alles war.

Die Vergesslichkeit ist hilfreich. Sie trennt Wichtiges von Nebensachen.

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2 Gedanken zu „Willi dachte

  1. kaetheknobloch

    Ein jeder gleicht mal dem Sitzenden und mal dem verwunderten Läufer. Ich vergesse so oft die Zeit, was aber kein Wunder ist. Meine Uhr ist ja vor Jahren stehengeblieben. Darüber wundere ich mich schon lange nicht mehr. Wohl aber über die eiligen Läufer, weil es immer mehr werden, die gar nicht so höflich sind. Zum Glück laufen die nur Kurzstrecke und tangieren nur meinen Lebensmarathon. Schöne Gedankenbilder. Danke lieber willi, Ihre Frau Knobloch.

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