Der Blockflötenspieler

Als ich wieder durch die Fußgängerzone gehe treffe ich auf den Blockflötenspieler.

Über diesen Mann habe ich schon einige Male richtig gelästert. Der spielt so falsch und daneben, dass es einem die Schuhe auszieht. Sitzt auf seinem Stuhl, bei kalten Wetter eingemummelt in Decken und Jacken, bei Regen unter einer Art Schirm, den er bei Sonne zum Beschatten braucht, und spielt.

Immer ungefähr am gleichen Platz, mit wachsender Begeisterung und immer falsch. Bemüht, langsam und immer gleich falsch. Bisher habe ich geglaubt, die Spenden, die dieser Mann erhält, sind Bestechungsversuche. Vielleicht hört er dann ja auf.

Das ist schon schlimm, wenn jemand vor deinem Fenster stundenlang Alle-meine-Entchen spielt und es wird nicht besser. Das kann ich ja sogar. Nein, immer die gleiche Melodie und dann auch noch falsch.

Heute also hatte ich meine Vorbehalte gegen diesen Mann im Griff. Schließlich hat er mir ja auch nichts getan. Er spielt nicht mal unter meinem Fenster. Das mit der wachsenden Begeisterung muss ich aber zurück nehmen. Zumindest zeigt er sie nicht.

Eher spielt er ohne ein absehbares Ende (jedenfalls habe ich das noch nicht erlebt). Der Mann ist einfach nur konzentriert. Ganz bei der Sache wählt er die Stücke aus und ordnet in den Spielpausen seine Besitztümer. Der ist total bei sich und den Dingen, die er tut.

Da ist nichts Rauschhaftes, nichts, das auch nur im Entferntesten mit sich-gehen-lassen zu tun hat. Der versucht mit allem, was ihm zur Verfügung steht, ordentliche Arbeit zu leisten.

Dazu gehört auch, dass die Dinge einen bestimmten Ort haben. Dort müssen sie sein. Solange dieser Mensch dort sitzt und spielt oder sich auf sein Spiel vorbereitet – oder es nachbereitet, what ever – solange es also dauert, hat dieser Mensch nur ein Problem: hoffentlich mache ich es richtig.

Entweder macht er uns allen was vor oder er kann wirklich nicht Blockflöte spielen. In jedem Fall ist der Mensch ganz bei sich und bei dem, was er tut. Darum verdient er Respekt. Meinen hat er jedenfalls seit heute.

willi, 2012/2014

Die große Welt

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4 Gedanken zu „Der Blockflötenspieler

  1. kaetheknobloch

    Wir müssen nicht alles und jeden verstehen, brauchen nicht Meinungen und Neigungen zu teilen, doch was wir nie verlieren dürfen ist der Respekt. Auch vor dem, was uns andersartig erscheint. Das Vergnüglichkeitsbeenebaumelgör‘ meint eben, es hätte sich einfach die Schuhe ausgezogen und wildverwegenkomisch dazu getanzt. Das glaube ich ihm sogar! Herzliche Lachgrüße, Ihre Frau Knobloch.

    Antwort
    1. mickzwo Autor

      Schön von Ihnen zu lesen und dabei festzustellen, dass das Vergnüglichkeitsbeenebaumelgör’ zurückgekehrt ist und auch noch mit so einer schönen Tanznummer! Herzlich bedankt bei ihm und Dito mit Zuckerguss an Sie,

      Ihr mick/ernst/willi 🙂

      Antwort
      1. kaetheknobloch

        Ich habe einfach auf Ihren Rat gehört und es nicht mit Vorhaltungen überschüttet. Den Schönstschrumpelapfel kauend hat es mir von seinen liebsten derzeitigen Unfugereyen erzählt. Stellen Sie sich vor, es fährt freihändig Fahrrad mit zuhene Augen und klebt Waschbärenaufkleber auf doofe Werbebilder! Ich habe es wirklich sehrsehr lieb. Zuckergußgruß an Sie zurück, die Ihre.

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