Unsortiert

Er war ein Zweifler. Dabei war er diesmal gründlich genug selbst diese Tatsache anzuzweifeln. Wie alle Professionellen setzte er sich mit Metaphysischem auseinander. Genauer gesagt handelte es sich nur um eine Frage: ob denn Tatsachen tatsächlich seien.

Die Tatsache, seiner Existenz als Zweifler, war für ihn höchst zweifelhafter Natur. Er verbrachte so seine Tage mit der Analyse von Vorkommnissen, die für ihn immer(!) zu Erlebnissen mutierten.

Hatte er sich nun zu einer – seiner Ansicht nach – tragfähigen Einschätzung der Dinge durchgearbeitet, begann der eigentliche, d.h. professionelle Teil seines Zweiflertums. In filigraner Manier zweifelte er einerseits die Wahrnehmbarkeit seiner Eindrücke und andererseits die Logik seiner Schlussfolgerungen an.

Dies entbehrte jedoch nicht einer gewissen Komik, wie er glaubte dann feststellen zu können. Zugleich vermutete er auch Tragik darin zu finden. Selbstironie und Schadenfreude. Schadenfreude über die so bei ihm hergestellte Konfusion.

Misstrauen. Er begann sich selbst Fallen zu stellen. Konstruierte Situationen und wartete ab, ob und wie er sie – und damit sich selbst – denn entlarven würde. Er widersprach sich ständig, wurde rechthaberisch. In seinem Kopf begann es zu kreisen, sodass er wiederholt begonnene Gedanken abbrechen musste oder sie einfach verlor.

Dann wieder stolperte er über Gedankenfragmente und versuchte sie mühsam zu rekonstruieren. Eine Tätigkeit die für einen Zweifler seiner Herkunft eine besondere Befriedigung versprach. Wahre Zweifelsorgien konnten sich so ereignen.

Diese Festivals der Dialektik waren allerdings nicht beliebig herstellbar. Das bekümmerte ihn; war es doch für ihn ein Indiz seiner mangelnden Kompetenz als Professionellem, oder etwa nicht?! Es musste doch einen Weg geben, in aller Beiläufigkeit Gedankenfragmente abzulegen, um sie sogleich zu vergessen.

Er wollte damit eine stille Reserve an zweifelhaften Gedanken anlegen; hier bewegte er sich hart an der Grenze des Selbstbetrugs, so schien es ihm zuweilen. Dann wieder entschied er sich aber auch für das Gegenteil und so weiter.

Besonders glücklich war er, wenn er feststellen konnte, dass er nicht mehr wusste, worüber er eigentlich nachgedacht hatte. Verblüfft stellte er seine Bewusstlosigkeit fest. Dann wieder gelang es ihm, die Verblüffung an diesem, ihm ureigenen und längst vertrauten Gedanken als vorgetäuscht zu desavouieren. Meisterlich.

Ich stelle mir vor, ein Comic mit dem Arbeitstitel: MASTER OF DESPAIR.

1989/2014

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