Kommen und Gehen (der internationale Tag der Stille)

Am vierundzwanzigsten April war der deutsche Tag gegen Lärm. Es ist ein beständiges Kommen und Gehen. Nicht für etwas wurde geworben. Die Sicherheit der Wissenden verwandelte sich zwangsläufig in das Zergeln von Besserwissern. Es wurde – mit gutem Grund – gegen etwas protestiert. Lärm macht ja krank. Alle wissen das. Damit sie es nicht länger hin nehmen, wird ungeduldig protestiert. Ich kann sie verstehen und doch…

Heute – im Nachhinein – kann man es laut sagen. Im letzten Jahr fand ich noch den internationalen Tag der Stille. Das war ein positives Ereignis. Kein nichts. Ruhe. Also Stille. Das ist schon was anderes als nichts. Es ist nicht so, dass niemand nichts gesagt hätte. Wenn man aber wusste, um welchen Tag es sich gehandelt hat, dann konnte man schon so eine gewisse Andacht spüren.

Es lag in der Luft, dass jeder sich bemühte quasi auf leisen Sohlen in den Tag zu schreiten. Eher zu schleichen, um niemanden zu stören. Die Wecker blieben stumm, der Glockenschlag vom Kirchturm erklang viel leiser als gewöhnlich. Der Straßenverkehr versuchte jegliches Geräusch zu vermeiden. Der übliche Stau ging viel verhaltener zu Werke.

Der Streifenpolizist, der den Unfall am Morgen aufnehmen mußte, tat dies mit Sorgfalt, aber auf Socken. Er hatte vorsorglich seine Schuhe ausgezogen und sie im Dienstfahrzeug zurück gelassen. Alles vollzog sich wie in Watte gepackt, ohne Hektik. Es sah aus wie ein ganz gewöhnlicher Frühlingstag. Die Sonne schien, die Vögel waren beim Nestbau und die Bauarbeiter bauarbeiteten. Nur eben still.

Fast jedenfalls. Merkwürdigerweise galt dies nur für die Zeitgenossen, die Tiere, Pflanzen und Gegenstände – mobil oder immobil – die von Beginn des Tages im Bilde waren. Alle, die nach – sagen wir – halb neun aufgeklärt wurden, sperrten sich dagegen. Selbst die Luft konnte nicht schweigen. Es kam ein Wind vorbei und es sah nicht nach Absicht aus. Sie konnten irgendwie nicht wollen. Manche bemerkten es nicht einmal. Die, die im Bilde waren, taten nichts.

So zerrann es allmählich. Erste Güterzüge gleisten durch die Stadt. Sie wurden allmählich laut. Die Umgebungsgeräusche konnten langsam wieder wahrgenommen werden. Einige Elektrogeräte nahmen ihre Tätigkeit hörbar auf und so schwoll der Lärm an, bis er toste wie eh und je. Die Vögel trällerten ihre Lieder wie sonst auch.

Jedoch es hörte kein Mensch ihnen mehr zu. Die waren ja wieder mit den anderen Geräuschen umgeben. Kurz waren einige Personen irritiert, irgend was war heute doch anders. Nur was?! Das übliche Getöse ließ ihnen keine Chance. Es hatte sie bald umfangen. Also ging man zur Tagesordnung über. Schließlich wollte man nichts verpassen.

„Gimma Mottek, oder soll ich mit dat Buch arbeiten?“ „Hä?!“ Das sind mindestens drei Geschichten aber nur ein Buch. Diese Sätze standen da einfach so rum. Sie haben zwar auch was mit Stille zu tun, gehören aber zu einer ganz anderen Baustelle. Möglicherweise haben die Arbeiter ihre Sätze ja geflüstert. Gewiss waren sie heute besonders früh dort. Kann sein.

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