Ein Lied

Ich sing für die Verrückten
Die seitlich Umgeknickten
Die eines Tags nach vorne fallen
Und unbemerkt von allen

An ihrem Tisch in Küchen sitzen
Und keiner Weltanschauung nützen
Die tagelang durch Städte streifen
Und die Geschichte nicht begreifen

Die sich vom Kirchturm stürzen
Die Welt noch mit Gelächter würzen
Und für den Tod beizeiten
Sich selbst die Glocken läuten

Die an den Imbißtheken hängen
Sich weder vor- noch rückwärtsdrängen
Und still die Tagessuppe essen
Dann alles wieder schnell vergessen

Die mit den Zügen sich beeilen
Um nirgendwo zu lang zu weilen
Die jeden Abschied aus der Nähe kennen
Weil sie das Leben Abschied nennen

Die auf den Schiffen sich verdingen
Und mit den Kindern Lieder singen
Die suchen und die niemals finden
Und nachts vom Erdboden verschwinden

Die Wärter stehen schon bereit mit Jacken
Um werkgerecht die Irrenden zu packen
Die freundlich auf den Dächern springen
Für diese Leute will ich singen

Die in den großen Wüsten sterben
Den Schädel längst schon voller Scherben
Der Sand verwischt bald alle Spuren
Das Nichts läuft schon auf vollen Touren

Die sich durchs rohe Dickicht schieben
Vom Wahnsinn wund und krank gerieben
Die durch den Urwald aller Seelen blicken
Den ganzen Schwindel auf dem Rücken

Ich sing für die Verrückten
Die seitlich Umgeknickten
Die eines Tags nach vorne fallen
Und unbemerkt von allen

Sich aus der Schöpfung schleichen
Weil Trost und Kraft nicht reichen
Und einfach die Geschichte überspringen
Für diese Leute will ich singen.

(Hanns Dieter Hüsch, 1969)

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6 Gedanken zu „Ein Lied

  1. mickzwo Autor

    Wenn ich die Anlage ganz leise Stelle, so, dass ich es eben noch höre, dann das Licht ausschalte, dann hilft er bei mir am Besten.
    Danke für den Kommentar.

    Antwort
  2. skyaboveoldblueplace

    ach der Hüsch, dafür hab ich ihn geliebt, dieses schwarze Schaf vom Niederrhein. Für seine leisen Texte. Weiß genau, was Du meinst, lieber mickzwo…
    Liebe Grüße und Danke für den Text an dieser mir bisher noch unbekannten Stelle, Kai

    Antwort
    1. eimaeckel

      Ja, das Hammond-Orgel-Gedudel und die niederrheinische Begräbnisfeier. „Wer bezahlt denn das alles hier, den Kaffee und den Kuchen?“ Ich hab ihn ein paar mal gesehen in den 80ern und war erstaunt, wie aggressiv sein Humor und seine Musik war. Wohl eher “ das gebrannte Kind von Niederrhein“. Den Text, den du wieder hervorgeholt hast, hatte ich ganz vergessen. Aber er tut gut.

      Antwort
      1. mickzwo Autor

        Über Deinen Kommentar habe ich lange nachgedacht. Ich habe nach Aggressivität bei Hüsch gesucht. Aber nichts gefunden. Vieles passt zu diesem Ausnahmekünstler. Beharrlichkeit, Beobachtungsgabe oder Dinge auf den Punkt bringen, indem man scheinbar Nebensächliches komponiert. Vieles von dem, was er sagt habe ich bis heute noch nicht verstanden. Aber es hat mich getröstet all die Jahre zu wissen, dass es solche gibt, die eben nicht aggressiv sind aber so genau hinsehen und anderen was zeigen können. Ich glaube, er hat – neben dem Broterwerb – ein Ziel verfolgt. Dabei hatte er bestimmt auch viele Fehler. Schließlich war er ein Mensch, und die sind eitel und können sicherlich auch ängstlich und zornig sein. Aber Aggression konnte ich bei ihm nicht finden. So ängstlich war er dann wohl doch nicht.

        Den Text habe ich nicht hervorgeholt aber – und da bin ich ganz bei Dir – er tut gut.

        Ich wiederhole mich jetzt und in diesem Falle tue ich das gerne: Wenn ich die Anlage ganz leise einstelle, so dass ich es eben noch höre, dann das Licht ausschalte, dann hilft er bei mir am Besten.

        Ich danke Dir herzlich für Deinen Kommentar. mick

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