Der Trafikant

Ehret ihr immer das Ganze, ich kann nur Einzelne achten, immer in Einzelnen nur hab ich das Ganze erblickt.
Friedrich Schiller, ‘Das Ehrwürdige’ 1796

Es war eine Ahnung, die da zwischen den vielen Buchstaben herausraschelte, eine Ahnung von den Möglichkeiten der Welt. (S.29)

Franz Huchel soll erwachsen werden, und dabei auch noch was von der Welt sehen. Dazu wir er vom Attersee im Salzkammergut nach Wien geschickt. Die Entscheidung fällt der Mutter nicht leicht, aber es geht nicht anders… So wird der junge in die Obhut Otto Trsnjeks gegeben. Er ist dort Besitzer eines Trafik*, ein guter Mensch und so gibt er dem Buben eine Anstellung.

Ein guter Trafikant verkauft Genuss und Lust – und manchmal auch Laster! (S.33) Der Bub bewundert seinen Lehrmeister und verliebt sich im Prater. Unglücklich und unsterblich.
Schnell lernt er die Kunden kennen. Mit einem freundet er sich auf wunderbare Weise an. Es ist der Professor Sigmund Freud.

Mit der Mutter verbindet Franz die Geborgenheit und Wärme der Kindertage. Sie schreiben sich und lesen zwischen den Zeilen: Er schrieb ein paar Zeilen, und die Mutter schrieb ein paar Zeilen, und beide hätten eigentlich lieber miteinander gesprochen oder wären zumindest schweigend nebeneinander gesessen und hätten dem Schilf zu gehört. (S.34)

Das Alles verwirrt ihn. Zu seinem – zwangsläufigen – Erwachsenwerden kommt noch der gesellschaftliche Umbruch, den er mit erleben wird: es ist neunzehnhundertachtunddreissig. Der „Anschluss“ Österreichs steht unmittelbar bevor.
„Die Wahrheit ist selten gemütlich“, (S.41) sagt dazu Freud, sein neuer Freund. Dieser Mann gibt also den analytischen Teil.

Mit großem Interesse habe ich die Perspektiven verfolgt. Das Vermögen des Autors Dinge zu beobachten und sie zu beschreiben finde ich großartig. Fasziniert hat mich die Sprache des Romans. Die Gabe Seethalers, Gedanken auf den Punkt zu bringen, ist nicht immer schmeichelhaft dafür sehr anregend.

„… Was hat dieses ganze verrückte Weltgeschehen überhaupt für eine Berechtigung neben deinen Sorgen?“ – „Sie machen sich lustig über mich, Herr Professor!“ – „Nein, das mache ich nicht!“, widersetzte Freud und erhob statt des Zeigefingers energisch seine Zigarre „Das derzeitige Weltgeschehen ist nichts weiter als ein Tumor, ein Geschwür, eine schwärende, stinkende Pestbeule, die bald platzen und ihren ekeligen Inhalt über die gesamte westliche Zivilisation entleeren wird.“ (S. 138)

Wer unsicher ist, wie das historisch eingeordnet wird, kann dafür jederzeit die Geschichtsbücher bemühen oder Zeitung lesen.

„Könnte es vielleicht sein, dass ihre Couchmethode nichts anderes macht, als die Leute von ihren ausgelatschten, aber gemütlichen Wegen abzudrängeln, um sie auf einen völlig unbekannten Steinacker zu schicken, wo sie sich mühselig ihren Weg suchen müssen, von dem sie nicht die geringste Ahnung haben, wie er aussieht, wie weit er geht und ob er überhaupt zu irgendeinem Ziel führt?“
Freud hob die Augenbrauen und öffnete langsam den Mund…
(S.141)

Wer wissen will, wie die Geschichte um Franz Huchel ausgeht, kann das Buch zur Hand nehmen. Ich habe es als Denkmal verstanden. Genau: ein Denkmal für all die namenlosen Menschen, die etwas Verstanden haben und dafür eingestanden sind. Die Vergangenen genauso wie die Zukünftigen.

Robert Seethaler: Der Trafikant. Roman. Kein & Aber. Zürich 2014. ISBN 978 3 0369 5645 9

Durch die Besprechung im Blog Literatourismus bin ich auf dieses Buch aufmerksam geworden. Ich danke ausdrücklich dafür.

* Trafik:
Eine Tabaktrafik (mündlich stets Trafik, Betonung auf der letzten Silbe) ist in Österreich eine Verkaufsstelle für Tabakwaren, Zeitungen, Magazine, Schreibwaren, Post- und Ansichtskarten (…) Der Name Trafik kommt von dem italienischen Wort traffico = Handel. Betreiber einer Trafik bezeichnet man als Trafikanten/Trafikantinnen. Den Begriff findet man bereits in einem Schreiben von Kaiser Joseph II., der 1784 das Tabakmonopol erließ. Ähnliche Einrichtungen gibt es in den anderen Nachfolgestaaten Österreich-Ungarns (beispielsweise Tschechien tráfika und Slowenien trafíka ) und in Italien, wo sie tabaccheria (in Südtirol Trafik, mit Akzent auf der zweiten Silbe) genannt werden und neben dem Monopol für den Verkauf von Tabakwaren, lange Zeit auch das für Salz hatten.
Von Beginn an wurden Kriegsinvaliden, Soldatenwitwen und schuldlos verarmten Beamten Trafikantenstellen zu ihrer Versorgung zugestanden.

aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Tabaktrafik

Advertisements

6 Gedanken zu „Der Trafikant

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s