Über den Rost und das Fliegen

Wer hofft, daß Träume wahr werden, muß damit rechnen, daß
auch Albträume sich erfüllen.

Es war einmal ein Ehepaar, die waren Fußgänger.
eines Nachts hatte der Mann einen Traum.
Ihm träumte, er sei ein Vogel, der in den Himmel aufsteigt
und gemächlich davon schwebt..

Am Morgen erzählte er seiner Frau, wie er über Hügel und
Felder geflogen, und wie ihm alles so klein und doch so
übersichtlich erschienen war. Da lachte die Frau ihn aus
und meinte, was für ein jämmerlicher Vogel er doch sein
müsse. Die wirklich schönen Vögel flögen immer zum Meer,
weil sie sich in der Wasseroberfläche spiegeln müßten und
ihre Federn in der Sonne glänzen lassen könnten..

Und so stritten sich diese Fußgänger über die Flugrichtung, über die Kunst des Fliegens im allgemeinen und die Landung im Speziellen. Da wurde die Frau ärgerlich, denn ihr gefiel seine Art zu fliegen nicht. Der Mann fand den Streit absurd, war aber zu verletzt, um sich nicht zu wehren. Plötzlich erschraken sie beide, denn es war längst Abend geworden. Da schwiegen sie und waren beschämt..

In dieser Nacht hatte die Frau einen Traum. Ihr träumte, sie sei ein Vogel, der in den Himmel
aufsteigt und gemächlich davon schwebt..
Da lachte der Mann und erzählte vom Meer. Erzählte, wie er einen schönen Vogel gesehen
und sich darin verliebt hatte. Da wurde der Frau unbehaglich und sie nannte ihn einen
Besserwisser.

Dieses Lied hat hundertachtzig Strophen! Mein armer Poet; das ist wahre Poesie:
In den kühlen, klaren Lüften schweben und frei sein. Wie wahr, wir fliegen; nicht allein aber
einsam!

Mißachtung und Ausbeutung sind Zwillingsschwestern, mein Liebster.
Oh, ihr Feinmechaniker und Ästheten! Erfreut euch an schönen
Maschinen und polierten Flächen. Rost ist eine Realität und von natürlicher Schönheit.
Rost ist lebendig.
Rost ist ehrlich.
Rost entsteht, weil Elemente sich verbinden.

Die brennen. Solche Harmonie verursacht Beulen. Die platzen irgendwann und sehen
liederlich aus. Unklar und irgendwie nicht zu berechnen. Aber nie verlogen. Rost zerlegt
Festigkeiten.

Rost zersetzt tragende Teile.
Rost ist rot, wie die Indianer.
Rost ist Liebe.
Rost läßt Starres sich verflüchtigen.
Rost gibt Flecken (die kriegst Du nie wieder raus!).
Physikalisch gesehen geht nichts verloren im All.
Ozeanisch, nicht?!
Der alltägliche Handel: Gibst du mir, geb ich dir..? Armer
Poet, ich könnte dich knutschen, daß du nicht mehr
geradeaussehen kannst! Dich und die ganze Welt. Dann habe
ich immer noch genug für mich. Ich bin kein Kaufmann, eher
der letzte Mohikaner.

Rost.

Rost ist Eigensinn – widersetzt sich der Kosten-Nutzen Analyse.
Rost ist Verschwendung, von daher Liebe.
Fliegen an sich ist keine Kunst. Dafür die Starts und – vor
allem – die Landungen. Da gibt es schon mal Beulen und
verstauchte Knöchel. Und dumme Gesichter, nämlich wenn du
den falschen Airport angeflogen hast. Bei Verspätungen
werden die Mienen säuerlich. Flieger grüß mir die Sonne!
Lieber, lieber Flieger! Meine Seele ist gut zu Fuß. Die
liegt nirgendwo rum. Kommt alles vom Training. Klar kann
sie fliegen.

Man beachte den Rost auf den Tragflächen.

Trauern will gelernt sein – wie auch Freude. Trauern wird gern mit
Trübsinn verwechselt. Ist nicht. Rost kann trauern machen,
aber Rost ist aufregend. Aufregung verhindert Trübsinn.
Meine Lebensfreude ist in diesem Sinne stark
rostig. Dafür muß man ein Auge haben.
Tausend Flugstunden und immer irgendwo, irgendwie gelandet.
Spannend.

Wer wirklich fliegen will, der ziehe sich warm an. Die Luft
ist kühl. Man verwirrt sich leicht, in der klaren, glatt
polierten Weite.
Komischerweise wird es immer kühler, je näher man der Sonne
kommt.
Man sucht Wärme.
Rost. Hingabefähigkeit.
Um etwas zu bekommen, muß man etwas anderes hergeben..
Von wegen. Wer hergibt, um etwas zu bekommen ist ein
Kaufmann.
Alles was ich habe ist gratis. Manchem erscheint das
eben zu billig. Rostverdacht kommt auf. Rost stört Idylle.

Gut, fliegen wir!

„ich habe immer versucht,
die erhabenheit der bäume
die unverwundbarkeit der steine
die vorurteilslosigkeit der flüsse
und die gelassenheit der tiere
zu erreichen.
aber es ist mir nicht gelungen.

sie hat immer versucht,
die erhabenheit der bäume
die unverwundbarkeit der steine
die vorurteilslosigkeit der flüsse
und die gelassenheit der tiere
zu erreichen.
aber es ist ihr nicht gelungen.“ *

Einen guten Flug kann ich dir nicht wünschen. Das wäre
unanständig, denn ich weiß, du wirst frieren dabei. Ich
wünsche dir einen spannenden Flug, und daß du dir
ausreichend Zeit mit nimmst deine Erlebnisse gelassen wie
die Tiere zu betrachten.

* Hanns Dieter Hüsch: Den möcht’ ich seh’n … (S.139). Satire Verlag, Köln 1978.
ISBN 3 88268 005 9
Dieser Text ist nun mein Lieblingsgedicht von H. D. Hüsch.
Anfangs hatte es mich geärgert und so musste ich darüber nachdenken.
Dieses Gedicht ist so mächtig in seinen Bildern und dabei so klar. Für mich ist es absolut tröstlich in seiner Aussage. Das kommt noch zwei oder drei mal, weil es eben da hingehört.

ernst (1995/2014)

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9 Gedanken zu „Über den Rost und das Fliegen

    1. mickzwo Autor

      Das Thema ‚Rost‘ und der Gedanke, nachdem nichts wirklich verloren geht in der Welt – was immer das auch ist – es nimmt mich oft ein.

      Antwort

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