Sommermärchen, merely

#Ein Vorleser wird auch auf die Ausstattung achten. (Bühnenbild, Requisiten und so.)

Komm wir machen uns eine Geschichte!
Könnte ich die Welt vergessen, entdeckte ich deine Augen.

Komm wir machen uns eine Geschichte! Es war einmal eine kleine dicke Prinzessin mit großen runden Augen und langen dicken Zöpfen. Oder laß uns diese Geschichte machen: Es war einmal ein kleiner schmächtiger Prinz mit wirren roten Haaren und Sommersprossen im Gesicht.

Ach was, machen wir diese Geschichte – auch wenn die gute alte Fee besoffen war, als sie diese Königskinder schuf. Die Prinzessin hatte eine Hakennase und war immer verschnupft und der Prinz hatte ein grünes und ein braunes Auge. Von hier bis zum Horizont hatte der eine König das Lachen verboten, weil die Königin sich eine schöne Prinzessin gewünscht hatte.

Und vom Horizont bis da hatte der andere König das Weinen verboten. Seine Königin wollte sich, aus purem Trotz über ihr Schicksal, immer über den misslungenen Sohn lustig machen. Am Horizont aber war ein Berg und darauf sass die gute, alte Fee.

Sie war schon wieder besoffen, oder immer noch. Die Sache mit dem Berg, jedenfalls, hatte genau zwei Vorteile: Einerseits war die Luft kühl dort oben. Das ist von Vorteil für eine gute, alte Fee, die ihren Kater ausbrüten muss. Andererseits konnten die Lachenden die Weinenden nicht sehen und die Weinenden konnten die Lachenden auch nicht sehen. Sie hätten sich womöglich noch gegenseitig erschlagen.

Und sag mal ehrlich: Lohnt sich denn das für eine zwar gute, aber sonstig eher besoffene, alte Fee? Komm wir machen diese Geschichte! Könnte ich die Welt vergessen, entdeckte ich deine Augen.

Wäre die gute, alte Fee nicht besoffen gewesen, hätten wir keine Geschichte.
Eines Tages machte sich der Prinz auf, weil er das ewige Lachen satt hatte. Er hätte auch den König erschlagen können, war aber zu schmächtig. Und die Prinzessin?

Laß mich jetzt nicht allein mit dieser Geschichte!

Natürlich hatte die Prinzessin das ewige Heulen satt. Sie hätte sich einen Müllerssohn nehmen können. Aber irgendwie klapperte das alles auch nicht. Und darum packte auch sie ihr Bündel – früher tat man so etwas noch – und machte sich auf.

Nach einer sehr langen und sehr mühseligen Wanderschaft – du kannst die Wegbeschreibung in jedem beliebigen Märchen, so in dieser Art nachlesen: Täler, Schluchten, tiefe Wälder, weite Ebenen, Zwerge, kleine, ganz kleine Zwerge, was du willst!

Also, nach einer sehr langen und sehr mühseligen Wanderschaft hatten sie endlich den Berg am Horizont erreicht. Die Prinzessin von der einen und der Prinz von der anderen Seite.

Und es ist unsere Geschichte und darum kommen die jetzt auch gleichzeitig an.

Als sie sich sehen lächeln sie und ohne ein Wort zu sagen ist ihnen klar, dass sie den ganzen Schrott da unten vergessen können. Und so taten sie es dann auch.

Das weinende Land und das lachende Land haben den Fortgang der beiden nicht bemerkt. Man hatte zu tun. Bleibt noch zu klären, was aus der zwar guten, aber sonstig eher besoffenen, alten Fee geworden ist.

Als ihr klar geworden war, was sie da nun angestellt hatte, machte sie sich aus dem Staube, um sich einen neuen Berg zu suchen. Mit schwerem Kopf ist sowas besonders ekelhaft. Sie säuft übrigens immer noch. Aber diese Geschichte sparen wir uns jetzt.

Zusatz (je nach situativen Gegebenheiten):
Das Glück hat eine komische Gestalt.
Hat man es gesehen, muss man lächeln.

# Der Text kommt mit einer Endlosschleife von ‚Your mother should know‘ gut. Auf dem ‚Album Magical mystery tour, The Beatles‘, zu finden.

ernst, mick 1989/2014

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6 Gedanken zu „Sommermärchen, merely

  1. mickzwo Autor

    Ein gutes Neues Jahr wünsche ich Dir auch Susanne!!
    Viel Erfolg mit der Ausstellung in Schwerin 🙂
    Ps.: Sie leben noch …

    Antwort
  2. Pagophila

    Ich wusste es: Geschichten, in denen eine kühle Brise über dem Berg weht (ke anu, „der Kühle“, Hawaii), gehen gut aus! Da spielt es auch keine Rolle, ob Feen ewig besoffen sind…

    Antwort
    1. mickzwo Autor

      Die guten, alten Feen werden ja oft überbewertet. Man weiß et nich. Da kommt so eine kühle Brise schon besser. Ich finde auch, man sollte sich eher auf die Prinzessinnen und Prinzen konzentrieren. Die haben schon viel in der Hand. Jedenfalls mehr, als mancher für möglich hält …

      Antwort
  3. Ramblingbrother

    Das kommt jetzt in mein „Mick’s Märchenbuch. Mit Anleihen von Willi und Ernst“ hinein. Oft fragt man sich ja, wieviel vom eigenen Kern in diesen Märchen liegt. Klar ist nur, dass besoffene Feen zu unserem Zeitgeist passen, aber die Moral von der Geschicht‘ ‚ist zeitlos: Wenn’s Schicksal schlimm mit einem meint, such dir einen Berg und lache die Sorgen wieder gerade und die Nase.

    Liebe Grüße

    Achim

    Antwort
    1. mickzwo Autor

      Das finde ich ja schön, dass Du so ein Märchenbuch hast. Für mich geht erzählen nur, wenn man einen Zuhörer sich vorstellen kann. Oder, meinetwegen, eine Zuhörerschaft. Solche Geschichten fallen ja nicht vom Himmel. Irgendwas und irgendwer wird mich schon beeindruckt haben, dass ich diese Geschichte so aufschreiben konnte. Schreiberlinge gibt es viele. Das ist gut. Wir können unsere Phantasie daran entwickeln. Aber dieses Geschriebene ist nichts gegen den Moment des Erzählens. Wer das kann, im richtigen Moment, von Angesicht zu Angesicht, der ist ein Könner. Ich, zumindest, bin es nicht.
      Lächeln hilft, da beißt die Maus keinen Faden ab.

      In diesem Sinne, liebe Grüße
      mick.

      Antwort

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