Wenn das nicht so war, ist auch egal [V]

Hubert

Hubert M war total besoffen und hatte deswegen Nasenbluten. Wir waren im Eiscafé Venezia und tranken Espresso, um wieder einigermaßen klar zu werden. Der Chef kannte uns längst, denn nach der Schule trafen wir uns oft dort.

Das aber durfte Hubert nicht machen. Versaute das ganze Klo mit seinem Blut und seiner Kotze. Vorher hatte er sich noch in die Parkanlagen gelegt, voll Rotze und Blut. Sah schrecklich aus. Das also war die sog. Mittlere Reife! Schulentlassung – Abschied.

Der heulte wirklich wegen mir – oder er bildete es sich ein. Auf jeden Fall sagte er immer, dass er mich vermissen würde. Das bekümmerte mich und es verwunderte mich auch. Hubert war so ein Außenseiter. Immer irgendwie dabei aber nie wahrgenommen. Ich weiß nicht warum, jedenfalls hatte ich nie wirklich Kontakt mit ihm.

Aber an diesem Tage hatte ich ihn am Hals; es brachte mich dazu, seine Kotze und das Blut weg zu machen – mit Servietten! Das dauert ewig und am Ende sieht man selbst bekotzt aus. Der Chef beruhigte sich dann trotz allem wieder und wir gingen. Hubert haben wir so nach Hause verfrachtet und wie der Nachmittag dann zu Ende ging, ich weiß es nicht mehr.

Die Marty-Feldmann-Zeit

Es war die Marty-Feldmann-Zeit. Jürgen M wußte immer die neuesten Sketche von Marty Feldmann und konnte auch so gucken. Ich war die Stimme. Wir hatten auch eine Nummer einstudiert, die wir der bekloppten Englischlehrerin servieren wollten, sind aber immer nur bis zur Generalprobe gekommen. Das hat unserem Ruhm in der Klasse aber nicht wirklich geschadet. Schließlich probten wir immer in der Pause.

Bis heute bin ich so ein Pausenprober geblieben. Wenn der Kohlenkastenblues in mir aufsteigt, mache ich oft für mich den Pausenclown. Manche meinen, ich mache es für sie. Eine Art Zimmertheater, oder so. Ich hatte so verdammt viele Freunde. Immer schön der Reihe nach.

Es gibt Leute, die gehen auf ein Fest in eine Stadt, irgendwo, wo sie früher mal gewesen sind. Die treffen da fünfzig Bekannte und lachen dabei. Egal wo ich hingehe, ich treffe mit Unglück einen, dann auch noch im falschen Augenblick.

Sorry, jetzt bin ich wieder in der Stadt mit dem großen O gelandet. Das ist meine Kohlenkiste. Ich glaube, wenn man meint, man hätte einen Freund gefunden gehört dazu, dass man fühlt, es sei für immer. Dieser Satz ist so verschachtelt und blöd gebaut, wie er wahr ist. Für mich, jedenfalls.

Freunde finden ist ganz leicht. Da reichen manchmal schon zwei Bier oder andere Nachlässigkeiten. Jeder hat es wohl schon Mal bemerkt: Freundschaften können schmilzen, wie der Schnee in der Frühlingssonne. Und trotzdem hat der Ausdruck Freund so etwas Ewiges. Es gibt Sicherheit – egal ob es sich um ein Mädchen oder um einen Jungen handelt.

Verlieren ist nicht schön.

Das macht keinen Spaß. Auch nicht, wenn man sich öfter damit beschäftigt. Nachdem der Prinz sich für seine Taten hatte feiern lassen, fand er sich in der Wüste wieder. Er fühlte unter den Sternen seine Kleinheit. Ich wollte nie der Erste sein, weil ich es hasse, wenn man mir ungefragt auf die Schulter klopft.

Hab nichts gegen Sympathie, misstraue aber Schulterklopfern. Dabei habe ich wohl übersehen, dass Schulterklopfen und Konversation notwendige Rituale sind. Man kann sich ja nicht ständig hauen oder umarmen. Wir sind darauf angewiesen unsere Instinkte zu zügeln. Das habe ich nie wirklich begriffen. Ich kann dich nicht umarmen, weil ich fühle, dass deine Nähe mir gut tut (und ich weiß, dir geht es ebenso).

Geschieht es doch, ist der Preis allgemeine Konfusion. Das gute Gefühl im Bauch schlägt um in Unsicherheit. Plötzlich sind Bausparverträge in Gefahr. Das ist ein Grund, warum Männer sich besaufen. Oder Geld verdienen, oder beides. Oder beides wollen und nur eins von beiden tun.

Treibsand

Ich verzichte an dieser Stelle auf Schmähungen der weiblichen Hemisphäre. Die kann das dieses mal mit sich selbst ausmachen. Wer das nicht verstehen will, kann mich gern haben (im Wortsinn). Wenn du dir auch nur vage vorstellen kannst, was Treibsand ist, dann weißt du, wie das bei mir abgeht, wenn ich einen Menschen treffe. Und wenn du eine Ahnung von Beton hast, dann weißt du, wie das bei mir abgeht, wenn wir Konversation treiben.

Für dein Lächeln bringe ich mich um. Na ja, das ist auch so ein Bild: immerhin werde ich ziemlich wetzen, damit du lächelst. Und wenn ich dich umarme, dass die Glieder knacken, ist es der triviale Versuch die Biologie zu überlisten. Die übliche Einzelhaft des Menschen soll außer Kraft gesetzt werden.

Solches wird landläufig auch Liebe genannnt. Das ist lächerlich. Die Bausparverträge wollen nicht tatenlos zusehen. Sie zähmen die Instinkte beständig. Es gibt nur dieses eine Thema: hilflos verliebt zu sein; oder hast Du schon mal einen Bausparvertrag geknutscht?

Die größte Sicherheit ist die einer schlaflosen Nacht.

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10 Gedanken zu „Wenn das nicht so war, ist auch egal [V]

  1. Pagophila

    Also, wie Du hier die Bausparverträge ins Spiel bringst, das fasziniert mich. Ich hatte nie einen, meine Männer auch nicht. Ich werde noch darüber nachdenken.

    Antwort
    1. mickzwo Autor

      M. E. geht das auch mit Lebensversicherungen oder Kommunalobligationen. Geld eben. Ich bin auf die Gedanken gespannt.

      Antwort
      1. Pagophila

        Schon klar, aber nicht so griffig wie „Auf diese Steine können Sie bau’n“ (hab sogar noch die Melodie im Ohr). Als gäbe es eben nichts besseres, auf das man bauen könnte…

  2. Herr Ärmel

    Das Leben ungefiltert beschrieben. Viele Details kenne ich – kennen wir uns? Obgleich ich nach dem Schulabgang nicht im örtlichen Venezia gewesen bin…
    Schöne Grüsse vom Schwarzen Berg

    Antwort
    1. mickzwo Autor

      Ich kenne keinen Herrn Ärmel. Aber das kann ja noch werden. Ein schönes Blog habe ich da gesehen. Das schaue ich mir noch genauer an.
      Allein in der Stadt, in der ich jetzt wohne gibt es bestimmt zwei Läden, die Eis verkaufen und so heißen. Und diese Stadt ist klein.
      Sagt Dir der Friedensplatz etwas? Wenn man von der Stadt kam, war das Café auf der linken Seite.
      Ist der „Schwarze Berg“ teil Deines Namens oder heißt ein Ort so?
      Schöne Grüsse, mick

      Antwort
      1. Herr Ärmel

        Ich kenne einen Friedensplatz (allerdings in Wessiland ;-), da gabs und gibts jedoch keine Eisdiele namens Venezia.
        Die Frage „ob wir uns kennen“, war bezüglich deines Posts eher metaphorisch gemeint.
        Und der „Schwarze Berg“ benennt auf deutsch ein Land, das seinen Namen vor Jahrhunderten von den Venezianern eben so erhalten hat.
        Wenn dir die Inhalte meines Blogs (Alltagsbeobachtungen, Gedanken und Fotos) gefallen, bist du herzlich zum Lesen, Schauen und Stöbern eingeladen.
        Schöne Grüsse vom Schwarzen Berg

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