Wenn das nicht so war, ist auch egal [IV]

Scheinpatten

Viele Stunden habe ich mit leeren Garnrollen verbracht. Manchmal brachte mein Vater
einen Ballen Stoff mit und rollte ihn aus. Sorgsam zog er den Stoff gerade, legte Papierstreifen darauf und malte mit Kreide die Umrisse ab. Dann nahm er die große Schere und schnitt die Muster aus.

Später wurden die Teile mit Nadel und Faden zusammengefügt. Am Ende mit der Maschine vernäht. Zwischendurch mussten Säume platt gebügelt, und gewisse Fäden auch wieder entfernt werden. Friemeln. Solche Arbeiten durfte ich machen. Friemeln. Da war ich so ein Experte. Friemeln. Dazu gab es ein Werkzeug – den Friem.

Das war mein erstes Werkzeug und sehr wertvoll. Sah aus wie aus Elfenbein (war aber aus Plastik). Taschen und Knopflöcher machen war sehr aufwendig. Und Patten. Patten sind so Stoffklappen, die man an feinen Saccos sieht. Sie verschließen die Taschen – weniger dass nichts raus fällt, als dass man nicht hineinschauen kann.

Einmal machte mein Vater eine Patte, das war so eine kleine, sehr geschmackvoll, genau oberhalb einer großen. Solche Patten waren mir vertraut. Der etwas feinere Herr brauchte sie. Zu meinem Erstaunen befand sich unter dieser Patte keine Tasche. Ich dachte er hätte etwas vergessen und machte ihn wohlwissend (wie das nur Kinder können) auf seinen Fehler aufmerksam.

Ungeduldig-aufgebracht bedeutete er mir, dass dies eine Scheinpatte sei. Ich war unzufrieden, auch etwas verstört, ging aber nicht weiter darauf ein. Es war spät. Möglicherweise hätte er mich ins Bett geschickt. Unter allen Umständen wollte ich diesen jähen Bruch unserer handwerklichen Intimität vermeiden.

Einige Jahre später wurde ich konfirmiert. Dazu bekam ich einen Anzug: Hose mit Sacco. Das
Sacco hatte natürlich eine Scheinpatte. Aber das war nur die Spitze des Eisberges.
Mittlerweile dämmert es mir wohl, wozu Scheinpatten gut sind. Immerhin bin ich oft versucht nachzusehen.

Manchmal ist es schon verlockend.

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8 Gedanken zu „Wenn das nicht so war, ist auch egal [IV]

    1. mickzwo Autor

      Diese Welt der Scheinpatten ist wirklich verwunderlich. Es verlockt und stellt dabei häufig in Aussicht, sich die Finger dabei zu verbrennen 🙂

      Antwort
    1. Dina

      …die exakt auch handwerklich widerspiegelt, was sie beschreibt….

      ich habe mir erlaubt diese Zeile in meinem Büchlein einzutragen. Große Klasse!

      Antwort
  1. Xeniana

    Ich hab es ja schon einmal geschrieben.Ich liebe deine Geschichten weil ich immer sofort mittendrin bin, sogar dann wenn mir Scheinpatten erst mal gar nichts sagen, aber jetzt ja schon etwas mehr:) Danke.

    Antwort

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