Wenn das nicht so war, ist auch egal [III]

Der erste Kuss, das war so’n Ding.

Ich denke die ist verschämt. Sie war dreizehn und ich vierzehn. Kaputtgelacht hat sie sich, weil ich mich so dösig angestellt habe. Das war in Duisburg-Kaiserberg, gleich neben den Zoo. Parkbänke waren rar um diese Zeit. Dann habe ich demonstriert und mein erstes Buch gelesen: Fabian von Erich Kästner und die Gedichte von Hanns Dieter Hüsch. Hätte ich nicht tun sollen. Das macht man mit dreißig, aber nicht mit vierzehn.

Mein Vater hat uns von den Nazis erzählt und mein Bruder hat mir Philosophiebücher gegeben. Ich wollte ein Buch schreiben und Winnetou sein, jedoch nicht in Band III. Wir hatten einen Schallplattenspieler und drei Schallplatten. Und wenn wir schlafen sollten haben wir heimlich Hitparade gemacht. Da wir zu zweit waren, und mein Bruder immer besser im Rechnen, kam sein Lied natürlich regelmäßig auf den ersten Platz, was mich aber nicht weiter belastet hat. Belastet hatte mich R‘.

Das ist jetzt ein Sprung. Ich war fünfzehn und wirklich weg. R‘ war meine achtundsechziger Traumfrau. Die war in meiner Klasse, konnte französisch (Muttersprache), Bilder malen und hatte so was. Der habe ich eine Liebeserklärung gemacht. Meine erste! Die war so platt, dass sie drauf ansprang. Uuuuuh, das war was Besonderes. R‘ hatte ein Zimmer für sich und fast immer sturmfrei. Da hab ich gedacht, ich wäre erwachsen. War ich aber nicht. R‘ war zwei Meter weiter als ich … Wir sind uns nie richtig nahe gekommen. R‘ war eben eine Traumfrau. Ich habe sie verlassen.

Verliebt war auch G, und zwar in mich. Ich habe das nicht ernst genommen. Sie entsprach so gar nicht meinen Vorstellungen. Aber um nicht wütend zu werden habe ich ihr am gleichen Abend noch einen Antrag gemacht. Ich denke es war so. Liebeserklärungen machen hatte ich ja jetzt gelernt. Ich habe das alles wirklich nicht so ernst genommen. Ich wollte wirklich bloß eine Freundin haben. Und die hatte ich jetzt.

Von nun an waren wir jeden Tag zusammen. Wir liefen stundenlang durch die Städte und haben sonst nicht viel mitgekriegt. Manchmal fuhren wir mit dem Bus in einen Vorort oder mit der Bahn nach Düsseldorf. Zusammenzusammenzusammenzusammen. Wir waren zusammen. Abends brachten wir uns zum Bus und winkten einander zu. Wir hatten keine sturmfreie Bude. Wir lebten auf der Straße.

In diesem Sommer habe ich mir über nichts Sorgen gemacht.

Alles ging wie von selbst. In der Schule war ich der Beste und konnte mich vor Freundschaften nicht retten. Geliebt zu werden macht schön und erfolgreich. Und immerzu war ich unterwegs mit G. Händchenhalten. Zanken wie die Kesselflicker. Quatschmachen. Knutschen. Unser Wohnzimmer war die Straße und es war egal, ob einer zuguckt. Niemals wurden wir bei sowas von Erwachsenen – vor denen man sich damals ja noch fürchten mußte – angemacht. Ich glaube man konnte unser harmloses Glück sehen. Und weil das so harmlos war, konnte das nicht anstößig sein.

Als ich ein kleiner Junge war hatte ich schon die Gewohnheit, die Dinge schwerwiegend zu sehen. Ich fühlte meine Winzigkeit im Vergleich zum Rest. Wollte den Dingen immer so auf den Grund gehen. War zögerlich. Nicht in diesem Jahr mit G. Ich ging auf Wolken und besah mir fröhlich die Welt da unten. Nie mehr wollte ich allein sein. Nie mehr verlassen.

Wie das war, das wusste ich schon. Das hatte mir mein Onkel Ernst beigebracht als ich fünf war. Der hatte eine Backstube und ich war auch sein Liebling. Überhaupt war ich so ein Liebling. Immer war ich so ein Liebling und wenn ich heute darüber nachdenke ist mir das schon peinlich.

Lernen von Onkel Ernst

Onkel Ernst hatte eine Backstube und ich war der kleine mick, sein Gehilfe. Ich hatte eine Holzkiste wo die Reste und Ränder vom Platenkuchen reinkamen, denn die mochte ich besonders. Onkel Ernst sah sehr alt, unrasiert und aufgebraucht aus, aber er hatte die Würde eines Mannes, der ein Handwerk versteht: Er konnte Brot backen und Stuten und Pumpernickel (aus den Brotresten der Woche) und wenn du jemals an den Masurischen Seen vorbeigekommen bist – damals, im Winter, auf der Flucht – dann kannst du ermessen, wieviel Ehrfurcht so ein Ausdruck wie `Brotbacken` machen kann.

Als Onkel Ernst seine Backstube verkauft hatte und alles eingepackt war, samt Kindern und Bäckermütze, habe ich mich auf den Bürgersteig gelegt, und wie eine Schnecke zusammengerollt und: Sie haben mich liegen gelassen. Das gibt sich schon, haben sie gesagt und ich könnte ihn besuchen, und Tante K und den U.

Tante K und den U mochte ich nicht. Onkel Ernst sollte bleiben und ich habe fest geglaubt, wenn ich lange genug so liege, kommt der Onkel und nimmt mich. So fangen die schlechten Gewohnheiten an. Onkel Ernst kam natürlich nicht. Wie so viele nach ihm auch nicht. Das habe ich nie übel genommen. Eher habe ich es als schmerzliche Pflichtübung betrachtet. Immerhin kommt mir seitdem ein Begriff wie Onkel oder Tante verdächtig vor. Ich habe das aus meinem Wortschatz für Beziehungen gestrichen.

Seit es Geschichtenerzähler gibt fragt man sich: Warum veranlassen die guten Gefühle so viele schmerzliche Erfahrungen. Es kommt mir so vor, als seien die Liebe und der Betrug siamesische Zwillinge. Sie haben den gleichen Ursprung und können nicht wirklich ohne einander. Das ist, bei Licht besehen, für niemanden eine Neuigkeit. Warum wird es also geleugnet? Es ist eine Unsitte zu behaupten, der Schmerz oder die Freude sind ethnische Angelegenheiten.

Die Frage nach linkshändigen Indianern ist also obsolet, vollkommen.

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9 Gedanken zu „Wenn das nicht so war, ist auch egal [III]

  1. Dina

    Jetzt bin ich weder am Anfang, sprich Ende angekommen und warte ganz ungeduldig auf die Fortsetzung. Es ist troll mit dir in der Geschicte einzutauchen.Erinnert mich etwas an Anne Ragdes „Lügenhaus-Trilogie“, die Bücher habe ich verschlungen.
    Weiter so!
    Liebe Grüße
    Dina

    Antwort
    1. mickzwo Autor

      An anderer Stelle habe ich schon erwähnt, dass ernst nicht so erbaut ist von willis Vorgehen. Der hat schon wieder einen Text genommen und ihn gezeigt. Nun ja, mal sehen.
      Dein Hinweis auf Anne Ragdes wird dazu führen, das ich doch mal einen Band lesen werden. Meine Kollegin hat mir schon mehrfach Bücher von ihr ans Herz gelegt – in letzter Zeit habe ich es immer nicht geschafft.
      Grüß auch das „Masterchen“ von mir und natürlich die Buchfeen. Danke für den Kommentar und lass Dir die Zeit in Bonn nicht so lang werden. mick.

      Antwort
      1. Dina

        Also, Siri, Selma und ich sind hocherfreut, dass Willi nicht so gehorsam ist – ja, die Buchfeen stimmen prinzipiell Textesverbreitung in diesem Rahmen zu.
        Als eine kleine Entschädigung möchten wir dir und Ernst „Das Lügenhaus“ Band I (Berlinerpoplene auf norw.) zukommen lassen, sozusagen als einen kleinen Gruß aus Norwegen mit ganz viel Feenhauch aus Bonn und Cley. Ob wir deine Adresse hier auf den Blog finden werden? Wenn nicht, bitten wir um eine kurze E-mailbenachrichtigung; unsere E-Mailadresse befindet sich unter About: Who is Dina. 🙂
        Eine gute neue Woche, lieber Mick!
        Dina

      2. Dina

        Siri und Selma sind wie wild hinund her geflogen und haben nichts gefunden.. also die Anschrift per E-Mail brauchen wir. Ganz vertraulich, natürlich! 🙂

    1. mickzwo Autor

      Zur Zeit sprudelt es bei willi mal wieder. schön, dass Du Dir die Zeit nimmst es zu lesen. Danke für den Kommentar.
      Viele Grüße, mick

      Antwort
    1. mickzwo Autor

      Es sind so Forschungsreisen, die der willi da vornimmt. ernst mag das gar nicht. Mich freut es einfach, wenn es Dir gefällt. mick

      Antwort

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