Wenn das nicht so war, ist auch egal [II]

Ich bade in netten Begegnungen.

Irgendwann geht man in die Umkleide, sich ab zu trocknen, um dabei von der Feuchtigkeit zu träumen, die eben noch da war. Ich bin in Geschichten verliebt. Wir hatten einen Kohleherd in der Küche. Dort gab es zu essen, Geschichten und vor allem Wärme. Unter einer Vierzigwattfunzel saßen die Großen und erzählten sich was. Wir verstanden das oft nicht, aber es war warm. Nur wenn mein Vater erzählte verstanden wir alles. Der konnte Milchsuppe kochen und du dachtest es wäre Winter in Ostpreußen.

Obwohl ich noch nie wirklich ein Pferd gesehen hatte, ritt ich an den masurischen Seen vorbei nach Westen, auf der Flucht vor den Russen und hatte eine Pudelmütze auf. Das habe ich den Russen nie übel genommen. Lieber hätte ich mit ihnen die Milchsuppe geteilt, aber das ging ja wohl nicht. (Auch das habe ich von meinem Vater gelernt: Du kannst zwar traurig sein, weil einer dir was wegnimmt, aber das ist überhaupt kein Grund ihn zu hassen; irgendwie hatten die Russen doch Recht!)

Bevor ich nach Ostpreußen ging, habe ich mich vor der HJ gedrückt, weil mein großer Bruder auf mich aufgepasst hat. Es ist gut, wenn du einen so großen und so starken Bruder hast. Der hatte das Eiserne Kreuz und ist im Tigerpanzer gestorben. Sportskanone, aber fair und so. Danach habe ich auf dem schwarzen Markt günstig Stoff gekauft und in der Nacht aus Resten mir einen Galaanzug genäht. Das war sehr wichtig, denn ohne Anzug gab es kein wirkliches Leben.

Es ist böse, wenn du deine Straße verlässt und keine neue findest.

Einmal bin ich von Zuhause weggelaufen. Ich weiß nicht mehr warum, auf jeden Fall wollte ich in die Welt. Nachts bin ich aus dem Fenster geklettert und losgegangen. Vielleicht war ich zehn oder elf Jahre alt. Wir hatten damals sehr große Angst vor dem Jugendamt. Die kassierten einen immer gleich. Von Oberhausen bin ich nach Mühlheim gegangen. Mitten in die Stadt. Habe wohl gedacht, dass die Welt dort anfängt. Hell war es dort auf jeden Fall. Dann wusste ich nicht mehr weiter und bin wieder nach Hause gegangen. Keiner hat’s gemerkt.

Du musst die Geschichten glauben, die sie dir erzählen, und wenn es nur für einen kurzen Augenblick ist. Sonst begreifst du sie nicht. Schlimm wird’s nur, wenn man seine eigenen Geschichten glaubt. Dann begreift man sich nämlich selbst nicht. Seit diesem Fluchtversuch kann ich fliegen. Der richtige Moment ist immer; …nur gibt es davon zuviele gleichzeitig und oft kommen sie auch noch ungelegen.

Mit sechs war ich das erste Mal unsterblich verliebt. Nein, nicht in die Lehrerin. Die war ein Dragoner mit einem Busen, der dich das Fürchten lehren konnte. Mein Freund wäre darin einmal beinahe ersoffen. Es war eine Religionsstunde und die Lehrerin, die man damals noch Fräulein nennen musste auch wenn sie schon weit über fünfzig war, wollte etwas wie Vergebung veranschaulichen. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn oder so. Jemanden ins Herz schließen und dies alles. Sie hat also diesen armen Detlef (der hieß wirklich so) an ihre Brust gedrückt und der ist fast ohnmächtig geworden darin. Also, die war’s nicht!

Vielmehr musste ich mich mal umdrehen, weil mein Radiergummi weg war und da sitzt so ein kleiner Prinz Eisenherz hinter mir. Haare wie Ebenholz und Augen wie Haselnüsse. Die wollte ich dann auf der Stelle heiraten. Als ich dann im achten Schuljahr war, habe ich ihr das dann auch gleich gesagt und darüber festgestellt, dass das Träumen auch was für sich hat.

Immerhin habe ich mich ein paar mal ordentlich für sie geprügelt, was mir einen gebrochenen Daumen eingebracht hat und die Erkenntnis, dass siegen zwar schön aber keinen gebrochenen Daumen wert ist. Nachdem ich das begriffen hatte, sind mir die Mädels nur so zugelaufen. Habe ich alle ausprobiert. War toll. Diese unendlich tiefen Gespräche über Flitzebogen und Legosteine. Dann ging alles so rasend schnell. A hat mir das Küssen beigebracht und mich aufgeklärt.

Die Frage nach dem linkshändigen Indianer steht immer noch so rum.

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3 Gedanken zu „Wenn das nicht so war, ist auch egal [II]

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