Wenn das nicht so war, ist auch egal [I]

Schwer zu sagen, wo es lohnt zu beginnen

Der alte Narr saß auf seinem Stein und glaubte, er sei ein Vogel. Ein Huhn vielleicht. Ab und an gackerte er, nicht aufgeregt, eher rythmisch, um sich seiner Existenz als Huhn gewiß zu sein. Dann flatterte er plötzlich zu Boden um mit seinen Füßen ein wenig zu kratzen. Zweidreiviermal scharrte er kurz im Untergrund, besah sich kritisch das Ergebnis. Pickte hier und verschmähte dort. Vor ihm ausgebreitet lagen seine Eindrücke, die sich schichtweise angesammelt hatten. Er sezierte die Ablagerungen, ab und an gackernd. Die Sonne schien.

Im 23. Jahrtausend sitzt ein Kopf auf seinem Polster und sinniert. Im 23. Jahrtausend ist das nicht ungewöhnlich. Die Technik ist dahin gehend gediehen, dass die Menschen nur noch für die notwendigen Funktionen bereit sein müssen. Alle Erwerbszweige sind soweit mechanisiert, dass nur noch Kopfarbeit zu leisten ist. Mist, das ist bestimmt aus einem Film, den ich schon mal gesehen habe. Ich befinde mich im 21. Jahrhundert und suche verzweifelt nach einer Geschichte, die meine derzeitige Befindlichkeit klären könnte.

In der Tat komme ich mir überflüssig vor. So überflüssig, dass mir nur noch abgenutzte Geschichten einfallen. Ein Lieblingsschauermärchen aus meiner Kindheit war das vom kalten Herzen. Neulich war das im TV – Nachkriegsschnulze. Da hat einer vergeblich und reichlich kitschig versucht, den Menschen klar zu machen, dass fressen und Geld verdienen nicht das meiste ist. Der Film war ein Flop. Klar, in dieser Zeit.

Oft denke ich, ich bin auch so ein Flop. Erinnere mich noch gut an diese Zeit. Das erste Auto meiner Eltern, das ich rostig gewaschen habe; Samstagnachmittag mit den brüllenden Fußballreportagen aus dem Autoradio des Nachbarn. Der hatte sein Auto freiwillig geputzt und war eine Elvisimitation. An meinen Freund Frank S, der immer in original Lederknickerbockern zur Schule kam und werfen sie keine Kippen in das Klo, wir pinkeln nicht in ihren Aschenbecher astrein auf italienisch sagen konnte. Der fuhr jeden Sommer mit seinen Eltern nach Rimini.

An die Hinterhofgartenidylle mit Hollywoodschaukel von Frank B, dessen Vater wiederum ein Freund meines Vaters war und einen Spirituosenhandel hatte, wo es immer auch Schokolade gab. Schnack die eine Hälfte für dich, Schnack die andere Hälfte für mich. Wo es im Sommer eine Dusche aus dem Schlauch gab und einen Plastikswimmingpool. Diesen Hinterhofgarten, in dem ich so gut aufgehoben war, weil Franks Omma immer kochte und ich zu hause nie so richtig durchaß.

Heinz Br, ein alter Lebemann, der einen Borgward Isabella fuhr und die Maßanzüge trug, die mein Vater machte – Samstagnacht mit Lothar. Papa das Sacco und Lothar die Hose. Manchmal durfte ich friemeln oder Säume bügeln. Dann erzählten sie Geschichten, wofür du das tapfere Schneiderlein getrost vergessen kannst. Aus den klug geschnittenen Resten bekamen wir Sonntagshosen, die kratzten und zwickten, aber pickobello aussahen und in denen mir immer schlecht wurde, wenn ich sie anziehen mußte.

Mein Papa war Schneider und beherrschte den Schneidersitz.

Lebensqualität: Manchmal kam meine Mutter von der Nachtschicht. Wollte sich ins Sofa legen und fand sich im Schlafzimmer wieder. Noch ein guter Freund meiner Eltern hatte einen Tapetenladen. Da konntest du die schönsten Rosenmustertapeten in ganz Oberhausen, ach was sage ich: im ganzen Kohlenpott kaufen. Und das bei individueller Beratung! Und wenn Papa nach einer Maßanzugnacht mit Lothar den Hollywoodschaukelblues bekam, dann war es soweit. Der tapezierte dann soeben zwei Zimmer, stellte die möbel um und trank sich mit Lothar, der ihm half, einen Weinbrand. Und Mama sagte: Bruno!!

In dieser sechzig Quadratmeter Wohnung lebten wir neun Jahre und sind darin mindestens zwölfmal umgezogen. Am Ende wußte keiner mehr wo welches Zimmer war. Papa saß im Schneidersitz auf dem Küchentisch und schnitt mit seiner Schneiderschere die Tapetenränder. Nur die Küche, die konnte er nicht umstellen. Dort schnitt er die Tapeten, kochte Milchsuppe, erzog so nebenbei die Kinder seiner Schwäger, nähte Maßanzüge und erzählte hinreißende Geschichten.

Wieso das kalte Herz?

Ich war das Wunschkind, wie meine Mutter mir des öfteren nahelegte. Die Schwangerschaft war beschissen und die Zeiten waren schlecht. Auch das wurde mir glaubhaft gemacht. Immerhin war das alles längst nicht so mies wie vier Jahre vorher. Da wurde nämlich mein Bruder auf diese Welt buchsiert. Der war nun gar kein Wunschkind und dem zufolge auch kein Sonnenschein, so wie ich. Wurde immer gehänselt, mußte nebst Brille (Kassengestell) auch noch eine Haarspange tragen. Und das als Junge! Diese Dinger sahen schon bei Mädchen blöde aus.

Meine Haare wurden nie gebändigt. Immer hatte ich Vorteile. Bis heute ist mir nicht klar, ob ich fair damit umgegangen bin. Zumindest stelle ich fest, daß ich neben den vielen schrecklichen Dingen, die mich bis heute noch wahnsinnig machen – nur weil ich an sie denke – die unendlich schöne Wärme in der Küche erinnere, wenn Geschichten erzählt wurden. Und das passierte erstaunlich oft.

Es waren viele Onkel und Tanten da und: Mein Vater!

Mit seinen Geschichten hat er mir beigebracht zu denken. Oft hielt er Ansprachen. Es ist leicht, vor einem Kind stark zu sein. Genauso leicht ist es, sich über die Schwächen des alten Papi lustig zu machen. Das habe ich von meinem großen Bruder gelernt, der einen scharfen Verstand hat, wie es bei verletzten linkshändigen Menschen oft der Fall ist. Der arme Junge hatte unter mir wirklich viel zu leiden. Der durfte mich nie ärgern, obwohl das so schön gewesen wäre. Irgendwann hat er dann viel zu früh geheiratet und war fort; gerade als mir klar wurde, daß ich von ihm lerne. In dieser kurzen Zeit habe ich sehr viel gelernt, leider auch, dass man einzeln ist.

Für die folgenden zehn Jahre habe ich dann die Tatsache – Wunschkind zu sein – ausgebadet. Das ist mir nun so gründlich gelungen, dass ich sie nun alle los bin. Insofern bin ich schon wieder beneidenswert. Wenn es denn alles stimmte (kriege ich noch raus). Es ist mir, als werde ich wieder einmal wach. Ich bemerke, dass ich die Tage nur noch schemenhaft wahrnehme. Wie immer, wenn ich aufwache, bin ich unausgeschlafen. Diese Zeit, die ich nicht festhalten kann.

Es ist ein Irrtum zu glauben, dass man Zeit besitzen kann. Zumindest ist es mir nicht gelungen. Immer war es die Zeit anderer. Meine Zeit ist die Überlegung, wo sie geblieben ist. Geschichten aufschreiben! Da ist nichts konkretes. Morgen habe ich Geburtstag. Mein Tag. Auch so eine Einbildung. Der erste Geburtstag, an den ich mich erinnere wurde vergessen. So gründlich vergessen, dass sogar diese Tatsache heute nicht mehr wahr ist. Schon witzig, womit man sich die Zeit vertreibt. So etwas kommt heute nicht mehr vor.

Die Frage ist doch die: Gibt es linkshändige Indianer?

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7 Gedanken zu „Wenn das nicht so war, ist auch egal [I]

    1. mickzwo Autor

      Ich hatte mir lange überlegt, ob ich diese Geschichte beginnen sollte. Dein Dank macht mich verlegen und glücklich zugleich.
      Gruß, mick.

      Antwort
  1. Ramblingbrother

    Melancholie ist als Zeitraffer tauglich. Sie konzentriert sich aufs Wesentliche. Irgendwann ist man auch wieder Herr über die eigene Zeit, da sie Teil der Zeit anderer ist und umgekehrt.

    Liebe Grüße

    Achim

    Antwort
    1. mickzwo Autor

      Ich denke niemand ist eine Insel. Man ist das Produkt vieler Eindrücke. Das hört wohl nie so ganz auf. Ob das, was wir als Wesendliches erachten wirklich wesendlich ist, stellt sich oft erst heraus, wenn es uns schon egal sein kann. Ganz wertfrei: alles macht was mit uns. Melancholie kann dann schon auch von Nutzen sein.
      Liebe Grüße, mick.

      Antwort
  2. Pagophila

    Manchmal ist es eine schwere Bürde, Wunschkind zu sein. Die [I] lässt zum Glück darauf schließen, dass Du die Geschichte weiter aufschreiben wirst. Ich finde nämlich schon, dass sich etwas vom Flüchtigen der Zeit darin einfangen lässt. Vielleicht auch etwas von dem, womit die Zeit uns umtreibt, loslassen.

    Antwort
    1. mickzwo Autor

      Es ist als Momentaufnahme gedacht. Könnte ich fotografieren hätte ich eventuell ein paar Bilder gemacht.
      Viele Grüße, mick.

      Antwort
  3. Dina

    Lieber Mick, jetzt habe ich Rückwärts Teil III, II und I gelesen. Das ist ganz wunderbar geschrieben! Ich möchte mehr lesen, ist das hier der Anfang von etwas Großes? Viel Glück damit!
    Liebe Grüße Dina

    Antwort

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