So weit, so unklar

Neulich hatte ich ein sonderbares Erlebnis. In den letzten Septembertagen durchstreifte ich die Wiesen hinter dem Schrottplatz, nahe der neuen Autobahn. An diesem schönen Tag wollte ich die Zäune kontrollieren und einfach ein bisschen Luft schnuppern. Da saß auf einem frisch geschütteten Erdhügel ein Mensch.

Saß da in der Sonne und rührte sich nicht. Für eine Weile besah ich den Fremden aus der Ferne. Obwohl ich ungern Menschen bei einer sinnlichen Beschäftigung störe, spürte ich ein großes Bedürfnis die seltsame Erscheinung näher zu betrachten.

Er schien mich zu ignorieren, obwohl er mich sehen musste. Fast wie ein Stein saß er dort. Seine Ruhe faszinierte mich und ich fand zu dem Entschluss, auf ihn zu zu gehen. Er blieb immer noch reglos. Als ich ihn schlussendlich erreichte wurde mir schlagartig klar: das war der weise, alte Mann, der alle Fragen weiß und alle Sehnsüchte kennt.

Da bist du ja endlich, sagte er milde lächelnd zu mir. Setz‘ dich! Ich gehorchte und wusste jetzt nicht, was ich sagen sollte. Ein übergroßes Gefühl von Respekt oder Ehrfurcht erfüllte mich in diesem Augenblick. Es war ein wenig beängstigend. Plötzlich begann er auch noch in Versen zu reden.

Es sprach zu mir der faun:
wär‘ ich bloß ein kapaun
dann würden mir die frau’n
tief in die augen schau’n.
bei diesem federkleid
da werd‘ ich blass vor neid
das kann ich gar nicht raffen
wie die den kerl angaffen.

Ich will dir was erzählen
damit du dann kannst wählen
für was du dich entscheidest.
eins geht nur, und nicht beides.

Einst sagte die gespielin:
mein gott, mein gott
ich will ihn
jetzt gleich und auch ganz fest
an meinen busen drücken
damit wir uns beglücken!

Drauf stöhnte der gespiele
dass er ganz nämlich fühle
und diese holde schwüle
die wonne und den schauer
um keinen preis bedauer.
könnt er sie nur erblicken
so spräng er vor entzücken
’nen satz, drei meilen weit..

Allein, das tät mir leid!
so dacht bei sich die maid.
ich wollt ’nen faun
der mich galant umkost

sprach sie, schon fast erbost.

Doch der kapaun, ganz aufgeblasen
tat um den ganzen globus rasen
zu künden von der liebe pracht.
und sie verbracht allein die nacht.

Wie strahlend war er anzusehen.
das federkleid, es war zu schön
es glimmerte und schimmerte.
die maid zu hause, wimmerte.
nach kosung stand ihr wohl der sinn
was er ihr bot, das fand sie dünn.

Wiewohl,
sein kamm ward prall und rot.
beklatscht von aller welt
hielt er sich für ’nen held.
zurück, er war halbtod
zerschlissen von der reise
glich er fast einem greise.
und voll von innrer not
die schöne noch zu finden
und fest an sich zu binden
so stand er vor der tür.
im ersten morgenrot
hielt er das aufgebot.

Du alter idiot
jetzt bist du endlich hier?!

sprach so seine gespielin
die doch so sehr gefiel ihm?
im ersten sonnenschimmer
erklang es noch viel schlimmer:

Hab meine zeit vertan
mit ’nem kastrierten hahn
der protzen kann und strotzen
zu zeigen seine kraft
jetzt biste abgeschlafft
ich find dich so zum kotzen
pack dich und deinen kram
nun scher dich endlich fort
dein anblick ist mir mord.
es ist nur etwas schade
um deine alte goldfassade.

Versteh‘ nur einer diese frau’n
sprach sehr verstört
der abgewrackte herr kapaun.
für diese dame müht ich mich
wie’s sich nach gutem brauch gehört
und doch lässt sie mich hier im stich.

der letzte satz klang sehr empört.

Als er zum Ende kam war mir alles klar. Ich hatte die Spur vom Dornenröschen und ihrem
unmöglichen Prinzen wiedergefunden. (Was man alles finden kann, wenn man einmal nicht
auf der Suche ist). Überglücklich wollte ich ihm danken.

Als ich aber aufsah war er fort und neben mir saß ein riesiger, dicker Findling. Erschrocken über diese Wendung rannte ich zu meinem Auto und fuhr ins Dorf. Jetzt sitze ich an meinem Schreibtisch, schau in die Dämmerung und versuche zu verstehen.

Nachsatz: Es kann auch eine weise, alte Frau gewesen sein.

mick (1989/2013)

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4 Gedanken zu „So weit, so unklar

  1. Pagophila

    Beim Lesen musste ich an Bertolt Brechts Herrn K. denken, der, auf die Frage, was er tut, wenn er einen Menschen liebt, antwortet: „Ich mache einen Entwurf von ihm und sorge dafür, dass er ihm ähnlich wird.“ „Wer? Der Entwurf?“ „Nein“, sagt Herr K., „der Mensch.“

    Antwort
    1. mickzwo Autor

      Diese Geschichte von Herrn Keuner gehört in die Reihe meiner Favoriten. Sie hat mich sicherlich beeinflußt. Aber Brecht zu beschreiben, dass traue ich mich nicht. (Vielleicht kommt das ja noch.) Den kann ich allenfalls zitieren. Irgendwo hat der wohl mal gesagt: „Liebe ist, mit den Fähigkeiten der anderen etwas positives zu produzieren.“ So einen Gedanken finde ich genial. Der muss die Menschen und auch sich gut studiert haben.
      Danke für Deinen Kommentar. mick

      Antwort

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