Morgen nehme ich wieder das Rad

Heute Morgen bin ich fast zu spät in den Omnibus gestiegen.
Immer komme ich zu früh. Egal wann ich losgehe, ich bin zu früh. Ich stehe da und langweile mich. Immer der gleiche Ort. Die gleichen stummen Gesichter. Drei bis vier Minuten Ewigkeit. Im Bus nimmt dann das Elend seine Fortsetzung. Dort findet man fast nur Leute, die so tun, als ob sie etwas besseres vor hätten. Gruselig.

Das Wetter ist auch keine Hilfe. Heute wäre ich fast mit dem Rad gefahren. Das ist dann auch der gleiche Weg. Bewegung halt. Wenn Du es wiederholst, dann wird es mit der Zeit doch etwas langweilig. Da hilft so ein gesunder Grund auf Dauer auch nicht. Wenn man nicht gesund wäre, würde man ja nicht Rad fahren können. Spaß fühlt sich anders an.

Der Weg des geringsten Widerstandes ist es, Sie und Ihn im späteren Bus zu besuchen. An diesem Tag ging das so:

Sie: Das war reichlich knapp.
Man begrüßt sich. Im Vorbeifahren sah ich das Paar, weshalb ich den Bus beinahe verpasst hätte, entschwinden.
Ich berichtend: Ich bin wie immer aus dem Haus gegangen. Heute habe ich ein Pärchen aus dem Haus gegenüber kommen sehen.
Er indifferent: ?
Ich: Sie mit Koffer, er mit Hündchen. Die sahen so aus, als wollten sie verreisen.
Sie lächelnd: Was Du alles merkst.
Er bestätigend: Und das so früh am Morgen.
Ich: Sie schienen sich nicht einig zu sein.
Sie etwas tadelnd: Woran hast Du das denn gesehen?
Ich: Nach einem kurzen Disput haben sie getauscht. Außerdem schlug sie plötzlich eine andere Richtung ein. Er folgte ihr unwillig. So erschien es mir.
Er jetzt interessiert: Vielleicht war da ja was nicht ganz in Ordnung?
Sie mit dem Handy hantierend: Dann hast Du ja Heute schon wieder was zu überlegen.
Er bei der Sache, scheinbar: Am Besten wird es sein, Du überlegst heute noch mal ganz genau, dann kannst Du sie morgen fragen.
Sie etwas bedrohlich: Genau, dann hast Du es klar.
Er süffisant: Vielleicht entwickelst Du mit Powerpoint eine Präsentation und zeigst ihnen Deine Gedanken.
Ich schaltete einen Gang zurück: Man will ja nicht aufdringlich sein.
Sie fordernd: Was?
Ich: Vielleicht haben die auch zu tun. Besser ist so eine Mindmap. Die kann ich vorbereiten und dann erstmal in der Arbeitsgruppe besprechen.
Er bohrend: Dann willst Du sie ihnen zeigen?
Ich: Natürlich nicht!
Sie meinen Rückzieher spührend: Wieso denn das?
Ich: Um sie mit Aufdringlichkeit nicht zu vergrätzen. Ich werde die Anfrage natürlich gut vorbereiten.
Sie, plötzlich wieder dabei: Das leuchtet ein.
Er belustigt: Wie soll das gehen?
Ich: Nachdem ich die Mindmap vorbereitet und in der Kleingruppe diskutiert habe, mache ich daraus eine Powerpointpräsentation.
Er schon etwas triumphierend: Und die wirst du dann dem Pärchen zeigen!
Ich jetzt wieder ganz cool: Keineswegs, diese Präsentation werde ich dann auf einer Betriebsversammlung zur Sprache bringen.
Sie, im Aussteigen begriffen: Aus den Ergebnissen dieser Versammlung machst Du dann wieder eine Mindmap …
Ich unsicher, ob sie mich noch hörte: Genau, diese kann ich dann dem Paar vorlegen. Sofern sie wieder da sind.
Er abschließend: Dann ist Dein Tag ja quasi strukturiert.
Ich denke bei mir: Genau so.

Für den Rest der Fahrt schwiegen wir. Er und ich gingen noch ein Stück gemeinsam – wie so oft – und wünschten uns auch am Ende noch alles Gute. Wie so oft.

Morgen nehme ich wieder das Rad. Ist gesünder.

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