Als ich ein kleiner Junge war

Als ich ein kleiner Junge war, habe ich über das Rumpelstilzchen viel nachgedacht; wie kleine Jungen das eben so tun. Meine Oma Frieda hatte mir von dieser Sache erzählt. Sie hielt sich, was deren Bewertung anbelangte, merkwürdigerweise sehr zurück. Ob das bedeckt oder wertfrei gemeint war, hat sie mir nie erzählt. Schon damals war ich überzeugt, daß dies eine widerwärtige Geschichte ist. Ich mußte seitdem leider zu der Einsicht kommen, daß es solche Geschichten gibt – was ich wirklich unanständig finde!

Mir tat das Rumpelstilzchen leid, ganz ehrlich. War eben ein armes Kerlchen und wurde von der Müllerstochter gehörig benutzt. Statt zu sagen: Rumpelstilzchen, du bist mir zu rumpelig, das mit dem Königssohn muß ich selber regeln, ließ sie sich den ganzen Kram besorgen.
Zu meinem Unglück hatte meine Oma es nicht so mit Winnetou und Old Shatterhand. Da geht es viel netter zu. Die Netten sind gut und edel, die Bösen sind fies, niederträchtig. Sie sterben dann auch so, daß man kein Mitleid mit ihnen zu haben braucht. Die Guten sterben zwar auch, aber immer erst zum Schluß, ein wenig. Das happy end geht dann nicht auf Kosten von solchen armen Rumpelstilzchen, weil man dafür mindestens zwei braucht. Oder so.

Also Rumpelstilzchen: die Müllerstochter konnte ja nichts dafür, denn ihr habgieriger Vater (wieder so ein Mistkerl) hatte das mit dem Prinzen so eingefädelt. Kein Wunder, denn diese Geschichten wurden von alten, weisen Frauen erzählt und dabei erfunden – abends am Feuer. Diese weisen und alten Frauen sahen schon zu, daß die Mädels nicht zu kurz kamen, wenigstens nicht in den Geschichten. Dafür wurden sie dann später von den Kerlen als alte Hexen verbrannt, oder hinterrücks erschossen, wie Klerky Petra in Winnetou I (war übrigens ein weiser, alter Mann, der nur aussah wie eine weise, alte Frau).

Jetzt habe ich mich wieder verdröselt – ‚tschuldigung! Ich frage mich eben nur, warum hatte sich das Rumpelstilzchen, bei seinen glänzenden Fähigkeiten und so, nicht einfach auf die Bahamas zurückgezogen. Hm.

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7 Gedanken zu „Als ich ein kleiner Junge war

  1. toutde5uite

    Ich finde die Geschichte auch widerwärtig. Was ich am allerschlimmsten finde: Der Königssohn droht der Müllertochter ja jedesmal den Tod an, falls sie ihm nicht das Stroh zu Gold verspinnt. Und nach dem das Rumpelstilzchen das für sie gerichtet hat, heiratet sie den habgierigen Erpresser, der sie wegen Gold mit dem Tod bedroht hat… Der ist doch nicht zu helfen. Sag ich mal als erfahrenes weibliches Rumpelstilzchen.

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    1. mickzwo Autor

      Mir ist gerade aufgefallen, das man Königssöhne irgendwie zwingen sollte, nur noch mit dem Fahrrad unterwegs zu sein (ohne Aussicht auf Besserung!). Natürlich nur mit solchen, die ein Eigenleben führen. Ich werde das auf seine Tauglichkeit prüfen!

      Antwort
      1. toutde5uite

        Scheint mir sehr tauglich. Fahrradfahren bildet ja gemeinhin den Charakter – bei diesen unbelehrbaren Angehörigen des Hochadels kann es – so tatsächlich keine Besserung zu erwarten ist – auf den genannten Rädern zumindest angemessen Ungemach verursachen.

  2. karfunkelfee

    Klingt nach einem ausgewachsenen Rumpelstilzchen-Trauma.
    Ich habe übrinx ein Froschkönig-Trauma und ich diskutierte mit meiner Großmutter über das Märchen bis ihr der kalte Schweiß auf der Stirn stand.
    Im Rumpelstilzchen geht es um Gier. Niemand kriegt den Hals voll genug:
    Weder das Rumpelstilzchen, noch der König, noch der Vater. Damit ist das Märchen eindeutig männlich sexistisch diskriminierend.
    Mein alternatives Ende:
    Der König tut sich mit dem Stiefvater zusammen und die beiden verzocken und verprassen das ganze Königreich und alle Schätze.
    Die Königstochter heiratet das Rumpelstilzchen, die beiden werden stinkreich und lösen die Schulden des Königs bei der Spielbank aus.
    Sie bekommen 25 Kinder und übernehmen das Königreich.
    Der König und der Stiefvater müssen 50.000 Sozialstunden im Kinderheim ableisten, weil sie habgierig und fahrlässig waren.
    Und wenn sie nicht gestorben sind…😊✨
    Viele Grüß✨

    Antwort
    1. mickzwo Autor

      Liebe karfunkelfee!

      Diskreminierend ist das Märchen sicher, im psychologischen Sinn: es prüft die Fähig- keit, Unterschiede zwischen verschiedenen Stimuli wahrzunehmen, sowie auf sie zu antworten. (Nach https://de.wiktionary.org/wiki/Diskriminierung.) Ob das sexistisch oder aus der Zeit zu verstehen ist oder beides, ich wollte das gar nicht entscheiden. Das können andere viel besser als ich. Wenn ich ein ausgwachsenes Rumpelstilzchen-Trauma hätte, wie Du schreibst, ich würde es hier sicher nicht diskutieren. Mir ging es in der Hauptsache um meine Oma.

      Die hätte alles getan, aber nicht mit mir diskutiert. Eher hätte sie wohl etwas verdutzt geguckt, um dann Papperlapap, zu sagen: Watt weiß du schon, Jung. Werd ersma groß. Sie ist vor etwa dreissig Jahren gestorben, und ich entdecke immer neue Eingenschaften an ihr, die, damals nicht bemerkt aber heute umso merkwürdiger sind. Im Rumpelstilzchen geht es um Gier. Das sehe ich auch so. Niemand kriegt den Hals voll genug.. Vielleicht also auch die Müllerstocher?

      Für ernst geht das schon in Ordnung aber willi kommt mit dieser Geschichte einfach nicht klar. Das habe ich im Nachsatz geschrieben.

      mick, so hat mich meine Oma früher genannt, wohl in Anlehnung an die Mickey-Maus, die damals so populär war. ernst und willi sind sind später von mir dazu gekommen. Sie sind eine feste Größe geworden, auf die ich mich verlassen kann. Nomen est omen. mick, ernst und willi, das ist eine Person, ich nenne es Aggregatzustände. Das ist, wie ich gelernt habe, nichts wirklich besonderes.

      Viele Grüße, mickzwo 🙂

      Antwort

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