Wintermächen ohne Schnee

Dies ist die alte Geschichte von dem Zinnsoldaten, der nur ein Bein hatte, auf dem er stehen konnte. Keiner wusste, warum er nur ein Bein hatte. Vielleicht war es in der Fabrik einfach nur vergessen worden. So etwas soll ja schon vorgekommen sein. Vieles wird einfach nur vergessen und steht dann in Regalen herum und staubt zu, wie unser Zinnsoldat. Der lebte damals nämlich in einem Spielzeuggeschäft. Aus der Fabrik war er mit vielen zweibeinigen Zinnsoldaten vor langer Zeit in dieses Regal umgezogen.

Besonders zu Weihnachten kamen die Kinder und suchten sich unter seinen Freunden welche aus. Einmal wäre er fast genommen worden. Ein kleines Mädchen hatte ihn schon in der Hand, musste ihn aber zurückstellen, weil die Mutter hartnäckig behauptete, er sei nicht vollständig. So wurden mit der Zeit alle seine vollständigen Freunde verkauft, nur er blieb dort, wo er war. Früher wollte er immer mitgenommen werden. Er war ein bisschen neidisch.

Gegenüber, im Regal mit den Puppen, lebte eine Prinzessin. Die sah er immer öfter an. Mit der Zeit begann er zu träumen, der Kaufmann hätte sie zusammengestellt, nebeneinander. Die Prinzessin lächelte ihn auch an, und darum war er jetzt froh, dass man ihn für unvollständig hielt und nicht kaufen wollte. Wenn er nur in das andere Regal käme! Nicht, dass er unzufrieden gewesen wäre. Immerhin konnte er sie ja sehen, und sie lächelte.

Eines Tages kam wieder ein Kind in den Laden. So ein Kind, wie es jeder Zinnsoldat sich wünscht. Ein Kind mit großen, sanften Augen. Es hatte gespart und wollte die Prinzessin kaufen. Als aber der Kaufmann das Geld des Kindes gezählt hatte, sagte er, dass er dafür im besten Falle den einbeinigen Zinnsoldaten hergeben würde. Und weil das Kind sich so sehr ein Spielzeug gewünscht hatte, nahm es ihn schließlich.

Er war wie betäubt, als das Kind ihn fasste und den Laden verließ. Der Zinnsoldat wollte fliehen, schreien, sterben, wollte zu seiner Prinzessin zurück. Aus. Er bemerkte nicht wie das Kind ihn ansah, wie es ihn streichelte, wie es mit ihm sprach und wie es ihn später vor den großen Jungen verteidigte, wenn sie sich über den einbeinigen Zinnsoldaten lustig machen wollten. Er merkte nicht, wie die Zeit verging, wie das Kind älter wurde, wie es ihn einmal verlor, verzweifelt war, ihn wieder fand und glücklich war.

Er war krank und taub, besinnungslos verletzt, und am Ende vergaß er noch warum. Darum merkte er auch nicht, dass sein Kind ihn verstecken musste, wenn die Eltern das Spielzimmer inspizierten. Es waren sehr ordentliche Eltern. Solche, die ihre Kinder nie ernst nehmen, und darum glauben, sie hätten über die Spielsachen zu entscheiden. Eltern, die nicht wissen, was ein einbeiniger Zinnsoldat bedeuten kann. Eltern, die vergessen haben, dass es Prinzessinnen gibt. Erwachsene eben.

Eines Tages musste das Kind in eine andere Stadt ziehen. Als das Kind in der Schule war geschah es dann, dass die Eltern alles einpackten und natürlich alles überflüssige weg warfen. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, wie verzweifelt das Kind war, als es bemerkte, was die Eltern getan hatten. Und ich brauche auch nicht weiter zu schildern, wie die Eltern verständnislos ihr Kind beschwichtigen wollten, und wie das daneben ging. Du hast selbst genug Phantasie.

Der Einbeinige landete also in der Mülltonne und merkte immer noch nichts. Die Männer, die den Müll mit dem überflüssigem Zeugs fortschafften, merkten auch nichts. Natürlich nicht. Alles ging seinen Gang. Zusammen mit dem anderen Überflüssigen wurde der Einbeinige abtransportiert, durcheinander geschüttelt und auf einen großen Haufen geworfen. Davon wurde der Einbeinige wach. Er befand sich schon auf einem Förderband, das sich langsam nach oben bewegte.

Der einbeinige Zinnsoldat öffnete schwerfällig die Augen und sah eine Prinzessin. Es war seine Prinzessin, und sie lächelte. Auch sie war überflüssig geworden bei ihrem Kind. Etwas verbeult und abgerissen sah sie aus. Es fehlte ihr ein Auge und die Haare waren zerzaust. Aber ihr Lächeln war dasselbe. Der einbeinige Zinnsoldat war froh. Endlich hatte er sie wieder und sie war bei ihm. Er war glücklich und er war jetzt frei. Da fielen sie in den Ofen und wurden verbrannt.

Die Kinder bekamen zu Weihnachten alle neues Spielzeug und spielten am Weihnachtstag unter dem Lichterbaum damit. Die Zentralheizung sorgte für wohlige Wärme, gespeist aus der Müllverbrennungsanlage (Fernwärme). Die Eltern waren’s zufrieden. Nach einer knappen Stunde begannen die Kinder sich zu streiten, weil das Spiel langweilig wurde. Da machte man einen Spaziergang durch die beleuchtete Innenstadt. Spielzeug gucken.

willi (1989).

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12 Gedanken zu „Wintermächen ohne Schnee

  1. Pingback: punkt punkt komma strich « Alles mit links.

  2. mickzwo Autor

    Hat dies auf Alles mit Links. rebloggt und kommentierte:

    Die ist eine Lieblingsweihnachtsgeschichte von willi.
    Wir warten jetzt auf ein Kind, für das es einfach Zeit ist. Der Obstbaum ist schon ausgewählt, der Platz zum Pflanzen makiert. Ein frisches Ehepaar will sich zeigen und das Fest der Feste steht ja auch noch im Raum.
    Dazu und zu allen anderen Vorhaben und Wünschen – und mögen sie noch so unterschwellig sein – alles Gute und ein frohes, neues Jahr!
    mick, ernst und willi.

    Antwort
  3. Andrea

    Eine schöne WeihNACHT(s)GESCHICHTE wie ich finde…danke dir für deinen BEITRAG dazu……wünsche dir einen schönen FREI-TAG….HERZlichst ANDREA:))

    Antwort
  4. Pagophila

    Eine Geschichte im Stile Hans Christian Andersens, wie ich finde. Herzerwärmend. Ich habe meine zerzauste, abgerissene Prinzessin immer noch. Es sind viele Umzüge, auf die sie lächelnd zurückblicken kann…

    Antwort
    1. mickzwo Autor

      Es ist schön, dass Du deine Prinzessin noch hast.
      Als Junge hatte ich viele Stofftiere, sorgsam behütet. Alle verschenkt. Einen Comic kann ich erinnern, da war so ein Soldat, der in einem gefaltetem Boot aus Zeitungspapier in der Gosse schwamm, angetrieben von einem glücklichen(?) Jungen. Das war bestimmt eine Adaption von Andersens Märchen. Später begegnete mir so eine Geschichte in Donovans Song „Little tin soldier“. Dieses Lied hat mich wohl dazu gebracht, diese Geschichte aufzuschreiben. Verursacht hatte das eine Prinzessin, die war mit ihrem Prinzen sehr traurig. Das war nicht so schön anzusehen. Ob es geholfen hat? Man weiß es nicht. Immerhin hat es sie eine Weile abgelenkt und ich habe eine Geschichte aufgeschrieben. 🙂

      Danke für Deinen Kommentar. mick

      Antwort
  5. Pingback: punkt punkt komma strich – noch einmal | Alles mit Links.

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