Zahnarzt

Warten auf den Schmerz ist schlimmer als bohren.

Die Zeit wird eine glibberige, stinkende Masse, die an deinem Fuß hängt. So schießt man keine Tore. Du liegst in diesem viel zu bequemen Stuhl, der ideal deinem Körper angepaßt ist, dein Körper ist ideal – der Stuhl hat Idealmaße, das Spucklätzchen mit diesem unauffälligen Kettchen erinnert dich flüchtig an Entmündigung.

Aus dem unsichtbaren Lautsprecher rieselt der WDR mit irgendwelchen Hausfrauengeschichten und die einsilbige Sprechstundenhilfe hantiert stoisch mit den viel zu unfreundlichen Dentalapparaturen. Dir wird eine Illustrierte angeboten, zur Zerstreuung – der Maitre hebelt nebenan noch gerade einen Backenzahn, ein lustiges Plakat mahnt dich zur Zahnpflege, du flüchtest zum WDR und schließt die Augen.

Der Maitre kommt.

Der Idealstuhl mit deinem Idealkörper senkt sich unerbittlich nach hinten und der Maitre heuchelt Anteilnahme. Er verfilzt dich in pseudopersönliche Floskeln. Du gehst drauf ein, obwohl dir klar ist, der verarscht dich. Es tut einfach gut, jetzt. Und gerade, wo du drauf einsteigst, nötigt er dich deinen Mund aufzureißen. Er will doch nur deinen faulen Zahn.

Damit du nicht ausflippst hat der Maitre (-de plaisir) dir eine Spritze verpaßt und quasselt dich voll, während er bohrt. Gleichzeitig möchtest du den WDR, in dem es immer noch von Selbstverwirklichung faselt und die Sprechstundenhilfe, die mit dem Maitre kollaboriert, erschießen. Jetzt schleudert der Maitre deinen Unterkiefer auf und nieder, weil er testen will ob die Füllung paßt.

Während du dir noch überlegst, was du antworten sollst, wechselt der Maitre das Behandlungszimmer, und die Sprechstundenhilfe macht sich über dich her, um dir deinen Zahnstein wegzusprengen. Du sehnst dich nach dem Maitre de plaisir.
Dankbar und durchgeschwitzt wirst du das Etablissement verlassen. Genauso wollen sie es haben.

Bei genauer Betrachtung könntest du dich fragen
a: warum dankbar?
b: warum durchgeschwitzt?
Dankbar bist du, weil es ja gar nicht so schlimm war.
Durchgeschwitzt weil du, wie jedesmal, auf die Sache hereingefallen bist – oder hast du dich selbst auf den Arm genommen?
Devot erfragst du einen neuen Termin (mittlerweile zahlt man hier ja sogar Eintritt, und zwar in bar).

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3 Gedanken zu „Zahnarzt

  1. matthiasengels

    SEHR schön! Der WDR und die angebotene Zeitschrift (bei mir IMMER -Auto,Motor,Sport-), die pseudopersönlichen Floskeln…..gut getroffen und gekonnt verwortet! Mag ich!

    Antwort
  2. Pingback: - Mein Zahnarzt sagt…- Kurzgeschichte | Fett/Anthrazit Blog

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